Giedel 1

Giedel 2

Giedel 3


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Stammbaum von der Familie "Giedel"

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Bei der Giedel in Fond de Gras

Bergmannskantine und vertrautes Wirtslokal am südlichen Titelbergfuss.

 

Ein Holzbau von 1880, renoviert 1986-1988

von Joseph Collette aus der Vereinsbroschüre der Chorale 1894 - 1994

Text modernisiert durch ersetzen der s/w Fotos mit den original farbigen Fotos sowie ergänzenden Fotos von Maryse durch Arend Claude.

 

Eigentlich hätte Fond de Gras, im waldumsäumten Quellgründchen des Maragolebaches, am südlichen Titel­bergfuss, ein ansehnliches Bergmanns­dorf werden können. Doch dazu kam es leider nicht, obwohl die Vorausset­zungen für die Entstehung eines sol­chen Grubendorfes nahezu wie ge­schaffen waren. Schuld daran waren nicht die Gemeindeväter, sondern die staatliche Behörde, die sich schon dem Bau der ersten Bergmannskantine, einem schlichten Holzhaus, bestens bekannt unter dem Namen «Bei der Giedel», vehement widersetzte. Man befürchtete nämlich hier könnten sich Arbeiter frei ansiedeln, fern von den entlegenen Dörfern des «Kordall», fern von der Obhut jeglicher Obrigkeit.

Erzrevier Fond de Gras. Bergleute der Grube Providence um 1888. Der Weg zur Titelberggrube war weit. Man schuftete bis zu 12 Stunden am Tag. Die harte, gefahrvolle Arbeit wurde mit dem zuneh­menden Alter umso beschwer-licher. Der Grubeneingang, hier im Bild, befand sich unfern der von Léonard Müllesch gebauten Wirtschaft, später «bei der Giedel» genannt. Im Vordergrund, in der Mitte, Betriebsleiter Boever mit der klei­nen Marie Dury aus Differdingen. Links daneben Bergsteiger Henry.

 

Collection Robert Havé (+), Differdin­gen.


Am 26. Mai 1880 unterbreitete Léonard Müllesch, Grubenunternehmer, wohnhaft in Differdingen, der Differ- dinger Gemeindebehörde ein Bauge­such zwecks Errichtung eines Wohn­hauses aus Brettern im Ort genannt «Graas», auf einem Grundstück von Schenkwirt Nicolas Dosser, gelegen zwischen den Grundeigentümern Metz. Der Antragsteller begründete sein Vorhaben indem er angab, dass die betreffende Wohnung zur Unter­kunft von ihm, seiner Familie und sei­nen Arbeitern bestimmt sei.

 

Der Antrag gab Anlass zu einem Kommodo-Inkommodoverfahren. Dassel­be verlief ohne den geringsten Zwi­schenfall, sodass Bürgermeister Charles Schambourg es am 3. Juli ein­stellte. Anschliessend erteilte der Ge­meinderat in der Sitzung vom 7. Au­gust die Baugenehmigung.

 

Der Bürgermeister bestätigte zudem die öffentliche Einsichtnahme des Baugesuchs unter folgendem Wort­laut: «Le Bourgmestre de la Commune de Differdange, soussigné, certifie par les presentes, que la demande formée par lesieur Leonard Müllesch, tâcheron à Differdange, ayant pour objet la construction d’une maison en planches isolément au lieu dit «Gras», a été publiée pendant quinze jours, et que le plan de cette construction a été déposé au secrétariat pendant le même délai. Differ­dange, le 7 août 1880. Schambourg Charles.»

 

So reibungslos die Erteilung der Bau­genehmigung seitens der Kommunalbehörde vonstatten ging, umso abwei­send sollten sich in der Folge die zu­ständigen Beamten der Oberbehörde zu dem Projekt zeigen.

 

Recht spät, am 27. September, bekun­dete Forstinspektor Jean-Pierre-Joseph Koltz, in einem Schreiben an Distriktkommissar Alphonse de la Fontaine, seine Missstimmung zu dem eingereichten Bauvorhaben.

 

Gemäss Artikel 13 der Verordnung vom 13. September 1724, welche sich auf den Artikel 122 des allgemeinen Wälderreglementes vom 14. Septem­ber 1617 beruft, das jeglichen Wohnaufenthalt in einer Waldlichtung ver­bietet, ist zu folgen, dass der Antrag nicht angenommen werden könne.

 

Wäre dies nicht der Fall, so würde er sich dennoch gegen die ersuchte Bau­erlaubnis aussprechen, weil die im Umkreis bestehenden Baracken zu genüge beweisen, welche Nachteile sich daraus für den Waldbesitz erge­ben.

 

Die Aufsicht der Wälder in unserem Minettebecken gilt als besonders schwierig zumal die wandernde Arbei­terschaft, die hier wohnt, keine genau­en Begriffe vom Eigentum hat und sich leicht den Folgen einer Verurteilung unterzieht, indem sie von einer Ar­beitsstelle zur anderen überwechselt. Werkzeugstiele, Bau- und Brennholz, nichts wird beachtet, insbesondere in der Nähe von Wohnbaracken und Schenkbuden. Der Boden gibt letzten Endes sogar kein Gras mehr hervor, da der Waldboden nur mehr einem Pfad gleichkommt oder eine Ablage­rung von Trümmerresten und Müll jeglicher Art darstellt.

 

Der von Herrn Müllesch ausgesuchte Bauplatz wäre für diese Verwüstungen besonders geeignet. Der Weg, der vor seinem Hause den Wald durchquert, würde ihm als Zufahrt dienen. Dieser Wald befindet sich ausserdem auf einer abgelegenen Höhe, so dass man vom gewählten Platz aus den Waldhüter sehen kann und jede Beaufsichtigung aussichtslos macht.

 

Der Distriktskommissar übermittelte das Schreiben von Forstinspektor Koltz gleich am 29. September dem Bürgermeister mit der Bitte nochmals im Gemeinderat darüber zu beraten. In der Sitzung vom 5. Oktober stellte der Rat fest, dass die bewaldeten Grundstücke, welche die Baracke des Herrn Müllesch umgeben, fast alle veräussert worden sind, um ausgebeutet zu werden und dass die Existenz dieser Baracke kein Unterschlupf für Ar­beiter bieten könne, die die Wälder verwüsten würden, weil die Grubenbe­triebe im ganzen Minetteerzbecken bereits begonnen haben, unter ande­rem auch in den Wäldern hiesiger Um­gegend. Man würde deshalb letztere nicht verhindern können, ihre nötigen Werkzeugstiele hier zu schneiden. Der Gemeinderat kam zum Entschluss, es bestünde Grund die ersuchte Geneh­migung zu bewilligen.

 

Der Distriktskommissar leitete den Gemeindebeschluss an den Generaldirektor des Innern Henri Kirpach wei­ter, fügte aber in seinem Begleitschrei­ben hinzu, er sei der Meinung, das Ge­such könne angenommen werden, denn die Bittschrift sei weder auf Wi­derstand noch auf eine Beanstandung gestossen und die lästigen Befürchtun­gen des Fortsinspektors würden letz­ten Endes durch die vom Gemeinderat unterbreiteten Erklärungen zunichte gemacht.

 

Doch damit war der Fall noch lange nicht erledigt. Der Generaldirektor des Innern bat am 22. Oktober Paul Eyschen, Generaldirektor der Justiz, um Stellungnahme in dieser Angele­genheit. Dieser wandte sich an General-Staatsanwalt Vannérus, der wie­derum den Gendarmeriekomman­danten um Rat fragte. Am 28. Oktober beauftragte der Gerichtskommissar Unteroffizier Rivaux, Gendarmerie-Stationskommandant von Petingen, zur amtlichen Berichterstattung und Begutachtung der Sittlichkeit des Bittstellers Leonard Müllesch.

 

In diesem Bericht, datiert vom 30. Ok­tober, gab der Brigadier zuerst be­kannt, dass die Baracke bereits errichtet war und der Antragsteller darin längst Quartier bezogen hatte. Ferner betrieb er hierin eine Schankwirtschaft und bot Kost und Unterkunft für Berg­arbeiter.

Lageplan zur behördlichen Begutach­tung des Bauvorhabens, erstellt am 30 Juli 1880 von Hilfsbaukonduktor André Schneider aus Esch an der Al- zette. Man erkennt die vorgeplante Orientierung des Hauses, in der Flucht­linie der Bahngleise und Ladebühnen des Industriebahnhofs Rollingen. Der Bauplatz befand sich nahe bei einerver- laßenen Erzwäsche. A.N.L., Intérieur, No 532.


Der Unteroffizier wies sodann auf die schwierige polizeiliche Überwachung des ca. 1500 bis 2000 Meter von den nächstgelegenen Ortschaften entfern­ten Fond de Gras hin, ein Umstand der leicht ausgenutzt werden könnte. Des weiteren berichtete er von den Schwierigkeiten, welche die Einwoh­ner der Holzbaracken im «Kuelesgrond» (heute «Baacher Jhang»), hart an der französischen Grenze, den Be­hörden in jüngsterZeit bereitet hatten.

 

Abschliessend äusserte er sich gegen das eingereichte Gesuch und betonte zudem dass die Baracke Müllesch sich demnächst inmitten der Minettegru­ben befinden wird, wo an die 300 bis 400 Arbeiter beschäftigt sein werden, was Gelegenheit zum Trunke geben werde und Anlass zu Unfällen.

 

Der Petinger Stationskommandant, der wie Forstinspektor Koltz Vermu­tungen bereits als vollendete Tatsa­chen ansah, schien im übrigen auch wenig von der Rechtschaffenheit des Antragstellers gehalten zu haben, be­urteilte er doch letzteren mit folgen­dem Wortlaut: «Was Moralität des Bitt­stellers anbelangt, so wäre in dieser Hin­sicht zu bemerken, dass er selbst nur Ar­beiter ist, und somit seitens seiner Person im Puncte der Moralität wenig Garan­tie vorliegt, da auch sonstig alle höhere Bildung ihm selbst fehlt, ohne dass wohl nur sein Ruf betrifft, bis dato specieller Grund zu Klagevorläge. Jedenfalls wird es ihm nur auf Speculation und Gewinn abgesehen sein, dadurch unter den vor­handenen Umständen allerguten Ei­genschaften, sollten ihm deren wirklich ankleben, dennoch verschwinden wür­den.»

Arbeiter sein hiess nicht nur ungebildet sein. Der Arbeiter galt schlechthin als unredliches und verdächtiges Subjekt. Auszug aus dem Bericht des Petinger Stationskommandanten vom 30. Okto­ber 1880 betreffend die Moralität des Erbauers Leonard Müllesch.

 

A.N.L., Interieur, N° 532.


Der kommandierende Gendarmerie­kapitän leitete den Bericht am 4. No­vember an den Staatsanwalt weiter und gab nebenbei zu verstehen, dass er ganz und gar den Standpunkt des Stationskommandanten vertrete. Die­se Baracken seien eine Gefahr für Ord­nung und Ruhe, insbesondere im Krei­se von zahlreichen Arbeitern.

 

Die von der Forstverwaltung und der Justizbehörde gelieferten Auskünfte erweckten am 17. November beim Ge­neraldirektor des Innern den Ein­druck, der Bau der Baracke sowie de­ren Umgestaltung in eine Kantine wür­den eine Gefahr für die öffentliche Ordnung und Ruhe darstellen, weswe­gen man die Genehmigung nicht er­teilen könne. Da der Gesuchsteller im übrigen gegen die Verordnung vom 16. Oktober 1827 verstosse, indem er seine Baracke ohne Genehmigung baute, habe er sich selbst der strafgerichtlichen Verfolgung ausgesetzt. Noch am selben Tag ging eine Kopie des an den Distriktskommissar gerichteten Schreibens an den zuständigen Gene­raldirektor der Justiz.

 

Am 25. Januar 1881 wurde Léonard Müllesch vom Bezirksgericht Luxem­burg zu einer Geldbusse von 20 Fran­ken und dem Abriss seiner Holzba­racke verurteilt.

 

Der Kantinenbesitzer Leonard Mül­lesch war ratlos. In einem Brief an den Differdinger Gemeinderat, datiert vom 1. Februar, erinnerte er an den eingeschlagenen Weg des Baugesuchs durch den ihm die Genehmigung zu­teil wurde, die ihm der Generaldirek­tor des Innern jetzt zurückziehe. Er versuchte zu argumentieren, dass ähn­-liche Baracken bereits bestehen und zur Unterkunft der vor Ort arbeiten­den Bergleuten dienen. Beim Bau der Baracke habe er sich zum Ziel gesetzt, sein Leben stets durch Arbeit ehren­voll zu verdienen. Der Abriss des Hau­ses würde ihn jeglicher Lebensgrund­lage berauben und die Familie in Ver­zweiflung stürzen. Deshalb beantrage er sein Bauvorhaben nochmals geneh­migt zu bekommen, in der Hoffnung das günstige Urteil bestimme den Ge­neraldirektor des Innern noch einmal auf seinem Beschluss zurückzukom­men.

 

In seiner Sitzung vom 26. Februar be­fand der Gemeinderat, dass die von Léonard Müllesch angeführten Grün­de berechtigt seien. Es bestünden tatsächlich Baracken entlang der Lan­desgrenze, welche nach denselben Be­dingungen errichtet wurden, wie die des Bittstellers. Die zwischen Rodange und Niederkorn gelegene und 225 m von der Bahnstation entfernte Baracke, diene ausschliesslich dazu die hier be­schäftigten Grubenarbeiter unterzu­bringen, damit diese morgens und abends von unnützen Gängen nach der Suche einer Unterkunft verschont blieben. Deswegen sei es ungerecht, ohne Beweggrund, strenge Massregeln gegenüber dem Gesuchsteller zu er­greifen, ihm sämtliche Erwerbsmittel zu entziehen und ihn in völlige Mittel­losigkeit zu versetzen. Der Gemeinde­rat forderte einstimmig den General­direktor des Innern auf, wieder auf sei­ne Entscheidung vom 17. November zurückzukommen und Léonard Mül­lesch die ersuchte Genehmigung zu er­teilen.

 

Der Distriktskommissar übermittelte dem Forstinspektor den Gemeindebe­schluss am 2. März. Doch der Forstbe­amte verharrte bei seinem Stand­punkt: Auch wenn Herr Müllesch alle erwünschten Eigenschaften be­sässe und genügend Gewähr vorzei­gen würde, könne man ja nicht voraus­sehen, ob das Haus ein Schlupfwinckel für Forstverwüster und Gelegenheits­arbeiter werde.

 

Trotzdem versuchte, der Distrikts­kommissar am 10. März den General­direktor des Innern in dieser verfahre­nen Sache umzustimmen. Im Grunde genommen, so der Kommissar, stehe der Gemeinderat dem Gesuch wohl­wollend gegenüber und sogar der Forstinspektor erkläre Müllesch sei ein anständiger Mensch. Er solle ihm wenigstens die Gunstbezeichnungen die er ersuche provisorisch bewilligen, allerdings unter der Bedingung von Widerruf, falls sich Unannehmlichkei­ten durch Missbrauch ergeben würden. Inzwischen hatte sich Léonard Mül­lesch schriftlich an die oberste Regie­rungsstelle, Staatsminister Baron Félix de Blochhausen, gewandt. In dem Brief wiederholte er nochmals die bereits vorhin dem Gemeinderat vorgelegten Äusserungen und bat ihn innigst, ihn beim letzten Baugesuch zu beschützen, damit sein Holzhaus bestehen bleibe. Dieser Brief vom 2. März war nun beim Generaldirektor des Innern angelangt. Am 8. März wur­de das Schreiben an den Distriktskom­missar weitergeleitet.

Bürgermeister Charles Schambourg (1811-1902)

Grossbauer aus Oberkom, bewilligte den Hausbau.

 

Foto: Amis de l’Histoire, Differdange.

Plädierte entschieden gegen den Neubau, Jean-Pierre-Joseph Koltz (1827-1907) Forstinspektor, aus Aubange (B) gebürtig.

 

Foto: Marcel Strainchamps, B.N.L


Wenig später, am 17. März betraute der Generaldirektor des Innern die Ge­richtsbehörde mit der weiteren Über­prüfung der Angelegenheit. Der Gene­raldirektor der Justiz bat am 24. März den Generalstaatsanwalt um Stel­lungnahme, zuvor solle er aber die Einwendungen des Gendarmeriekom­mandanten anhören. Der Oberbe­fehlshaber der Gendarmerie forderte gleich am 26. März den Stationskom­mandanten von Petingen auf, sich nach Fond de Gras zu begeben und Berichterstattung leisten.

 

Der Brigadier ging in seinem Bericht vom 29. März erneut auf die Streit­frage der entlang der französischen Grenze errichteten Holzbaracken ein, welche ausser der gesetzlich festgeleg­ten Entfernung von 1000 Metern von der Ortschaft isoliert errichtet wurden und deren Eigentümer hierfür am 8. Juli 1876 protokolliert wurden. Vor Gericht wurde jedoch die Nähe der weniger als 1000 Meter entfernten französischen Ortschaften Hussigny und Godbrange in Betracht gezogen, wodurch die Angeklagten Freispruch erhielten.

 

Obwohl nicht die geringste Beanstan­dung gegen die Rechenschaffenheit von Léonard Müllesch vorlag, kam er nicht umhin um abschliessend wie­derum zu bemerken, dass derselbe «nur Arbeiter ist und somit über seine Kostgänger, u.s.w., welche sämtliche Mitarbeiter von ihm sind, nur wenig Ge­walt haben kann».

 

Der Major-Kommandant der Gendar­merie leitete den Bericht des Briga­diers am 29. März an den General­staatsanwalt weiter, mit einem Begleit­schreiben, in dem er darauf hinwies, dass angesichts der Tatsache, dass Konzessionen bereits genehmigt wur­den und derartige Baracken bereits ohne Genehmigung gebaut wurden, eigentlich nichts verhindere den vor­liegenden Antrag anzunehmen.

 

Der Generalstaatsanwalt war ebenso wie der Distriktskommissar und der Gendarmeriekommandant der An­sicht, die Genehmigung sei zu bewilli­gen. Am 1. April antwortete er dem Generaldirektor der Justiz, er glaube die Genehmigung könne durch die Regierung gewährt werden, weil der Abriss durch richterlichen Spruch angeordnet wurde. Da die Regierung den Wiederaufbau nach dem Abriss genehmigen kann, so ist sie auch in der Lage die Erhaltung zu bewilligen, ohne auf den König-Grossherzog zu­rückzugreifen.

 

Der Generaldirektor der Justiz, der ebenfalls dieser Meinung war, liess die­ses Schreiben am 4. April dem Gene­raldirektor des Innern zukommen. Der Streitfall war nun beendet. Das Haus durfte bestehenbleiben.

 

 

Ein Bauwerk aus Holz

Léonard Müllesch hatte anfänglich vor, einen Massivbau aus Stein anstel­le des Holzhauses aufzubauen. Der Steinbau hätte aber bis zu zwei Jahre Bauzeit in Anspruch nehmen kön­nen. Diesen Zeitaufwand konnte er sich allerdings nicht leisten.

 

Auf dem Lageplan, der zur Begutach­tung des Bauvorhabens, am 30. Juli 1880 erstellt wurde, erkennt man die vorgeplante Orientierung des Hauses, in der Fluchtlinie der wenige Jahre zuvor errichteten Bahngleise und La­debühnen des Industriebahnhofs Rollingen. Der Bauplatz lag neben einer verlassenen Erzwäsche und gehörte ehedem der Niederkorner Bauernfa­milie Dosser, welche eine Wäsche in Fond de Gras betrieb. Der Baueingabeplan zeigt ferner den Umriss des Hauses, einen von der zeit­genössischen Steinbauarchitektur her bekannten traufständigen Wohnbau mit Vorhausfläche.

 

Im Aufriss handelt es sich um ei­nen zweigeschossigen zweiraumtiefen Holzbau mit Ziegeldach, an dem sich Formrelikte der damals noch weitge­hend verbreiteten ländlichen Bauwei­se erkennen lassen.

 

An traditionelle Bauvorstellungen er­innert bereits die von der Strasse ab­gekehrte Lage. Der quergestellte Standplatz liegt nicht direkt an der Strasse, sondern er steht etwas zurück­ gesetzt hinter einem Vorplatz, der beim Bau wohl als Reissboden (Mon­tagefläche) benutzt wurde, zuweilen auch als Abstell- und Stapelplatz dien­te. In der guten Jahreszeit wurde er na­türlich in eine Terrasse umfunktio­niert und später, in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, gänzlich zubeto­niert und mit einem Rohrgeländer ab­gegrenzt.

 

Der Holzhausbau war eine Bauart die sich im Zeitalter der frühen Industria­lisierung in der südwestlichen Korn- ländschaft ziemlich bewährt hatte. Allein über ein Dutzend Holzhäu­ser standen auf dem Bergplateau das sich auf der linken Seite des Kornflusses erhebt. Holzwohnungen dieser Art waren auch im Ortsbereich keine Seltenheit. So befanden sich etliche Holzhäuser in Differdingen und Rodange-Gare. Bahnhofbauten aus Holz sind uns ferner aus Petingen und Differdingen bekannt.

 

Die Holzbauweise war insofern inte­ressant, weil sie wegen ihrer einfachen Konstruktion relativ preisgünstig aus­fiel. Die Montage erfolgte in verhält­nismässig kurzer Zeit und fast bei je­dem Wetter. Nach der Fertigstellung konnte der Bau sofort bezogen wer­den.

 

An der Traufseite, der zur Strasse zuge­wandten Hauptfront, ist die zweige­schossige Holzfassade unsymmetrisch strukturiert. Zwar sind die für das 19. Jh. typischen hochrechteckigen Fen­ster jeweils durch die vertikalen und horizontalen Achsen übereinander und nebeneinander gegliedert, doch stehen sie nicht im Einklang mit der Vertikalachse der querrechteckigen Traufwand. Ausserhalb dieser vertika­len Fassadenachse liegt ebenfalls die Haustür.

 

Diese Disharmonie der Fassadenöff­nungen ist bedingt durch den Stütz­pfosten des Tragbalkens, welcher im Hausinnern in der vertikalen Quer­achse steht und die Eingangstür an dieser Stelle nicht gestattete. Aus die­sem Grund konnten die Öffnungen nur auf den beiden von der Vertikal­achse bestimmten Wandseiten ange­ordnet werden.

 

Überdies wies das rechte Oberge­schossfenster nicht dieselbe Höhe auf wie die übrigen Fassadenfenster. Sie entsprach aber in der Grösse dem Obergeschossfenster, am südöstlichen Hausgiebel.

 

Ähnliche Holzbauten, wo eine unre­gelmässige Fassadengestaltung an der Schauseite bestand, waren das Haus Honger im «Kuelesgrond» (nahe «Baacher Jhang») an der Differdinger Grenze, das Wirtshaus «Béckléck» im «Scheiergrond» und der Eindachhof «Hollerech’s Mäeri» im «Hattendall», unfern Thillenberg (Differdingen).

 

Die Rückfront wurde bereits in den 80ger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch den von Leonard Müllesch an­gegliederten breitgiebligen Massivbau verdeckt.

 

Der Nordwestgiebel war fensterlos, während der gegenseitige Südostgie­bel je ein Fenster in den hinteren Ge- schossen besass. Im Gegensatz zur Firstseite hatte man die Fensteröff­nungen nicht vertikal gegliedert. Das Erdgeschossfenster dürfte demgemäss erst beim Bau des Anbaus angebracht worden sein.

 

Ein schmales Gässchen trennte einst den Nordwestgiebel vom Nachbarbau. Es sollte bei Brandgefahr das Ausbrei­ten des Feuers verhindern. Rechtwinklige Bretterrahmungen, vergleichbar jenen der vorhin genannten Holzbauten des Differdinger Berg­plateaus, zierten die Wandöffnungen des Erdgeschosses. Ferner waren die Fenster des ebenerdigen Stockwerks mit Bretterklappläden versehen.

 

Die Eingangstür, eine beigefarbene Haustür aus Holzfriesen besass eine blanke Messingklincke und stammte von der ersten Renovierung des Hau­ses im Jahre 1916.

 

In der Regel waren die Holzbauten des frühen Industriezeitalters im südwest­lichen Luxemburger Land mit roten Dachziegeln gedeckt. 1876 trat ein Ge­setz in Kraft, welches den Gebrauch von endzündbaren Werkstoffen als Eindeckungsmaterial von Dachflä­chen verbot.

 

 

Das Ziegeldach nahm im Vergleich zum Stroh-, Schindel- oder Schiefer­dach eine geringe Dachneigung in An­spruch. Die meistverbreitete Dach­form war, wie hier in Fond de Gras, das Satteldach, auch noch Zweihang­dach genannt, an dem das Wasser nach zwei geraten Seiten hin abfloss. Gleich den zweiseitig abgeschrägten Ziegel­dächern des regenträchtigen Longwyer Raumes besass das Dach einen leichten Überstand an der Traufe. Nur so konnte das Dachwasser von den Traufflächen abgehalten werden.

Die asymmetrisch gestaltete Holzfassade der vorderen Traufwand, ver-gleichbar den Hausfronten der zeitgenössischen Holzbauten des Differdinger Bergplateaus.


Blick auf die malerischen Dächer des Wirtshauses und des Anbaus mit ihren rautengemusterten Herzziegeln lothrin­gischer Herkunft.


An den Stirnen der überstehenden Sparrenenden war ein Traufbrett be­festigt, das von einem handgesägten Wellenbandmuster verziert war.

 

Zu dem herkömmlichen Hohlziegel (frz. tuile-canal), dessen Eindeckung mittels der Deckungsart von Mönch und Nonne geschah, verbreitete sich schnell die aus Lothringen stammende «tuile mécanique», ein maschinell hergestellter Herzziegel mit hervortre­tendem Rautendekor, Kopf-, Klau- und Seitenverschluss. Die Eindeckung dieses von der Fochbacher Ziegelindustrie preiswert angebotenen Mas­senfabrikats bedurfte keinerlei spe­ziellen Fachkenntnisse. Im Gegensatz zum aufwendigen Schieferdach konn­te die Ziegeleindeckung von jeder- man vorgenommen werden, wodurch hohe Lohnkosten erspart blieben.

Maschinell gefertigter Forbacher Herzziegel (frz. tuile mécanique).

 

Fabrikmarke:NILGESETCIE,REMSINGERHÜTTE,FORBACH. Vergleichbar dem Typ COUTURIER. Die Eindeckung anhand dieser Dachziegel konnte jederman problemlos vornehmen, wodurch teure Dachdeckerkosten erspart blieben.


Ein vor der Neueindeckung des Hau­ses im Jahre 1987 sichergestellter Herzziegel trug auf der Innenseite die eingestempelte Fabrikmarke NILGES & CO REMSINGERHÜTTE FORBACH. Ein einfacher Firstziegel hingegen war mit der Stempelmarke COUTURIER FORBACH gekenn­zeichnet. Die Ziegelei COUTURIER galt damals als bedeutender Dachzie­gellieferant. Vereinzelte Mörtelspuren an den Ziegelinnenseiten bezeugen den Gebrauch von Mörtel als Binde­mittel.

 

Ähnlich wie beim späteren Haus Honger im «Kuelesgrond» führte ein Rohr­schornsteig an der Aussenwand des Nordwestgiebels empor. Durch diesen Schornsteig entwich der Rauch des Ofens, der im Wirtslokal stand.

 

Wenn nicht gerade in der Mitte des Daches, so doch in der Firstmitte, er­hob sich der glattbestrichene Ziegel­steinkamin, an dem der Küchenherd und der Stubenofen angeschlossen wa­ren. Die halbrunde Blechüberdachung schützte nicht nur gegen Schnee- und Regeneinfall sondern ebenfalls gegen Sonnenbestrahlung.

 

Das Fundament wurde wie beim Steinbau massiv ausgeführt. Eine ver­stärkte Ausführung des Sockelprofils am unteren Südostgiebel sollte bewir­ken, dass keinerlei Feuchtigkeit an das Holz gelangen konnte. In der Tat floss entlang dieser Seite bei Sturzregen das Wasser des nahegelegenen Titelberg­hanges.

Firstziegel. An der Innenseite, die Fa­brikmarke COUTURIER FORBACH. Die lothringische Ziegelei galt als be­kanntester Dachziegellieferant.


Die Aussenwände bestanden aus Wandpfosten, die man in den jewei­ligen Zimmerecken mit den tragenden Balken verstrebte und nach aussen hin mit einer senkrechten Aussenschalung aus Holzbretter versah. Die Fugen des senkrechten Bretterschirms waren mit breiten Deckleisten überdeckt. Am Giebel überragte die Dachgiebelschalung die Wandschalung des Erd- und Obergeschosses. Ein Karbolineumanstrich der zeitweise wiederholt wurde machte das Holz gegen Fäulnis wider­standsfähig.

 

Im Innern wurde der Bau durch eine Mittelwand in der vertikalen Quer­achse des Hauses verstärkt. Aus dieser Konstruktionsweise entwickelte sich der Grundriss. Auf den Aussenwänden und der inneren Tragwand ruhten die Deckenbalken. Trennwände konnten also beliebig aufgestellt werden. Den Fussboden bildete ein Riemenboden aus schmalen Holzbrettern.

 

Im Hausinnern begegnet man die traditionelle Aufteilung ländlicher Wohnbauten. Eine schlichte Friesen­tür öffnete in den Hausflur, Ern ge­nannt, der einst in gerader Richtung in die Küche führte. Geradeaus, hinter einer Friesentür stieg die gewendelte Holztreppe zum Obergeschoss. Der Herdraum, das Herz des Hauses, von wo aus man in alle andere Räume ge­langte, befand sich im rechten Hin­terteil des Hauses. Er wurde durch eine niedrige, im Giebel eingelassene Fensteröffnung erhellt. Eine Türöff­nung in der Hausrückfront verband die Küche mit dem Anbau. Die schmale Küche war kein Wohnraum.

 

Das Wasser zum häuslichen Gebrauch wurde in Eimern herangeschafft und auf einer Wasserbank aufbewahrt, da­mit die frei umherlaufenden Hunde sie nicht umwerfen konnten. 1957 gab es noch kein fliessendes Wasser im Haus. Wenig später erhielt das Haus einen Anschluss an eine unterhalb «Klengblénken» gefasste Quelle. Zum selben Zeitpunkt brachte man einen Fayence-Spülstein gleich unter dem Fenster an.

Fond de Gras im Jahre 1965.

1) Wirtshaus «bei der Giedel»

2) Anbau: Saal, Ställe und Scheune

3) W.C.

4) Obdach für die Hühner

5) Gemüsegarten.

 

Auszug aus dem photogrammetrischen Kartenverzeichnis, Ponts & Chaussées, Service de la Photogrammétrie.


Die Hausbewohner

Léonard Müllesch wurde als zweites Kind von Jean Müllesch, Tageslöhner, und Suzanne Schmit am 8. September 1843 in Bissen geboren. Der Junge verlor im Alter von 10 Jahren seine Mutter und wenig später drei seiner Geschwister. 1858 wohnte er als Taglöhner im elterlichen Haus, ge­nannt «a Wilmes». In diesem Haus leb­ten ferner sein verwitweter Vater, die Schwägerin seines Vaters, Anna Schmit, Taglöhnerin, sowie seine Schwester Anna und sein Bruder Jacques.

 

Als Bergmann tätig und in Kayl wohn­haft, lernte er Marie Peporté, Tochter der Eheleute Dominique Peporté und Catherine Schmit kennen, die er am 10. Februar 1869 heiratete. Die jungvermählte Ehegattin schenkte ihm eine Tochter namens Catherine bevor sie am 6. Dezember 1870 in Kayl ver­schied. Daraufhin kehrte Léonard Müllesch heim nach Bissen, wo am 31. Januar 1871 auch seine sechzehn Monate alte Tochter starb. Léonard Müllesch begab sich wieder ins Minetteerzbecken nach Kayl. Am 24. Januar 1872 vermählte er sich in Kayl mit Pauline-Anne Frantzen. Tochter von Lucas Frantzen und der bereits gestorbenen Marie Beilion aus Bartringen. Anne Frantzen war am 21. November 1846 in Bartringen geboren und wohnte in Kayl bei ihren Brüdern, die im Bergbau tätig waren und später in dieser Ortschaft heirateten. Hier brachte sie am 16. November 1872 ihre erste Tochter zur Welt.

 

Nach der Eröffnung der Eisenbahn­linie Esch-Petingen am 1. August 1873 kam es erstmal im Raum Differdingen zur Erschliessung bedeutender Minet­teerzlagerstätten. Der Aufschwung in den neuen Erzgruben veranlasste Léonard Müllesch mit seiner Familie nach Differdingen umzuziehen. In seinem Wohnheim in Differdingen kam am 12. Oktober 1879 Tochter Anne zur Welt.

 

Durch die Entdeckung des Thomas­verfahrens im Jahre 1879 war den Mi­nettevorkommen im Südwesten eine grosse Zukunft beschieden. Belgische Industrieherren und -gesellschaften hegten reges Interesse an den in Fond de Gras von Gemeinde und Staat ange­botenen Grundstücken und Konzes­sionen.

 

Von dem angesagten Boom wollte auch Leonard Müllesch Nutzen zie­hen. Dank seiner Erfahrungen im Bergbau hatte er sich inzwischen zum Kleinunternehmer, zu einem «tâcheron» emporgearbeitet. Ihm schwebte jetzt vor, in unmittelbarer Nähe der neuen Gruben in Fond de Gras seine Aktivität fortzusetzen und nebenbei eine Bergarbeiterkantine zu betreiben.

 

Mit dem Einverständnis der Gemein­debehörde errichtete er emsig, innerhalb von zehn Wochen ein Holz­haus in Fond de Gras. Ende Oktober 1880 wohnte er längst in diesem Haus. Die Volkszählung vom 1. De­zember 1880 gibt den genauen Perso­nenbestand der zu diesem Zeitpunkt im Haus untergebrachten Familien­angehörigen und Bergleute an. Fol­gende Mitarbeiter von Léonard Mül­lesch hatten hier eine Unterkunft gefunden: Pierre Heirend aus Junglinster, Jean-Pierre Frantzen aus Bar­tringen, Pierre Frantzen aus Bartrin­gen, Dominique Schouweiler aus Schuweiler, Stephan Fischer aus Überherrn (Preussen), Jean Boch aus Diekirch, Bernard Haas aus Rippig, Christophe Kail aus Hosten (Preussen), Auguste Charldom aus St-Hubert (Belgien), Peter Reuter aus Metten­dorf (Preussen), Michel Mersch aus Bondorf, Albert Tanz aus Kmistod (Preussen) und Jakob Hoffmann aus Ottweiler (Preussen). Die neun letzten Kostgänger waren erst innerhalb des vergangenen Monats untergebracht worden, nachdem das Haus bezugs­fertig war.

Personen- und Familienstand der in der Kantine von Leonard Müllesch unterge­brachten Familienangehörigen und Bergarbeiter. Zählungsliste Nr. 68 der Volks­zählung vom 1. Dezember 1880. A.N.L., Mf, R. Pop. 901.

 


Léonard Müllesch hatte offenbar ver­sucht seinen Traum vom Kantinen­besitzer wahr zu machen. Doch bald machte ihm die staatliche Behörde zu schaffen. Sie zwang ihn über den gerichtlichen Weg in die Knie unter dem Vorwand gesetzwidrig gebaut zu haben, erniedrigten ihn und drohten ihm seine Existenz zu ruinieren. Nur mit knapper Mühe gelang es ihm sich zu behaupten. Der vom frühen Fami­liengeschick leidgeprüfte Mann schien aber inzwischen gesundheitlich angeschlagen zu sein. Gemäss der Volks­zählung vom 1. Dezember 1885 war er inzwischen in den Ruhestand ge­treten. Ausser seiner Frau und sei­nen beiden Töchtern, wohnte seit zwei Monaten der italienische Bergarbei­ter Pietro Dominiato aus Nialpette im Haus.

 

Am 1. Februar 1887 war Léonard Mül­lesch wieder als Bergmann tätig. Sei­ne Frau Anna führte die Hauswirt­schaft. Ihr zur Hilfe stand die älteste Tochter Hélène, während die jüngste Tochter noch zur Schule ging. Kost­gänger im Hause Müllesch waren da­mals Nicolas Hirsdorf und Pierre Hei­rend, beide aus Junglinster.

 

An sein Holzhaus hatte Leonard Mül­lesch einen ziegelbedeckten Anbau aus rotem Bénglék-Kalkstein gebaut, bestehend aus Stall und Scheune, denn der damalige Bergmann war zu­gleich Selbstversorger. Den Ent­schluss, das hölzerne Wohnhaus durch einen Steinbau zu ersetzen, konnte er nicht mehr durchführen, denn er starb frühzeitig am 5. April 1890.

 

Nach seinem Tod führte die Ehefrau die Wirtschaft weiter. Ihr zur Seite standen die beiden Töchter Hélène und Anne. Zum Haushalt gehörte am 1. Dezember 1890 der Dienstknecht Martin Schiesser aus Küntzig. In Kost waren noch immer die Bergarbei­ter Nicolas Hirsdorf und Pierre Heirend.

Heiratsaktsignatur. 24. Januar 1872. A.N.L., Mf, E.C. 329


Am 24. Oktober 1893 ehelichte die älteste Tochter Hélène den fünfundzwanzigjährigen Paul Bosseler, Sohn der Bauersleute Nicolas Bosseler und Jeanne Hummer aus Niederkorn. Im folgenden Jahr, am 18. August, kam eine Tochter namens Anne zur Welt. Taufpatin («Giedel») war die Gross­mutter Anne Frantzen, die Witwe von Léonard Müllesch. Seither wurde die Wirtin aus Fond de Gras «Giedel» ge­nannt. Der Beiname übertrug sich spä­ter auf die Grossmütter der beiden fol­genden Generationen, sowie auf das Haus und das Wirtslokal.

 

Laut Volkszählung vom 2. Dezember 1895 wohnte das junge Ehepaar im Orte genannt «a Buurenzen» in Nieder­korn. Bei ihrem Wohnhaus handelte es sich um ein grösseres Bauernanwe­sen aus dem 18. Jahrhundert, be­kannt unter dem Hausnamen «a Piit­zes».

 

Paul Bosseler war Landwirt. Ehefrau Hélène führte den Haushalt. Neben Tochter Anne, oblag ihr die Erziehung von François Frantzen, einen elfjäh­rigen verwandten Jungen aus Kayl, der bereits seit 18 Monaten im Haus wohnte.

 

Zum selben Zeitpunkt lebten Anne Frantzen und die jüngere Tochter Anne Müllesch noch zusammen in Fond de Gras. Folgende Bergarbei­ter hatten als Kostgänger eine zeitwei­lige Bleibe im Haus gefunden: Pierre Heirend aus Junglinster, Camille Krier aus Strassen, Pierre Müller aus Lamadelaine, Theobald Baumann aus Heintzbrun (Lothringen) und Nicolas Jüngers aus Niederkerschen.

Das Bauernanwesen „aPiitzes“ der Eheleute Paul Bosseler und Hélène Müllesch in der St. Peter-Strasse in Niederkorn (Bildmitte).

Luftaufnahme von 1965.

Ausschnitt Foto Nr. 7209/65, Ponts & Chaussées, Service de la Photogrammétrie.


Anne Müllesch, die zweite Tochter der Eheleute Léonard Müllesch und Anne Frantzen, schloss am 2. Mai 1901 in Sassenheim den Bund des Lebens mit Jean Klensch. Jean Klensch, Metz­ger und Wirt in Niederkorn, war am 22. Mai 1872 in Limpach geboren.

 

Von nun an lebte die Wirtin Anne Frantzen allein in ihrer Wirtschaft in Fond de Gras. Ganz unerwartet starb ihr vierunddreissigjähriger Schwieger­sohn Paul Bosseler am 25. März 1903 in Niederkorn. Er war Vater von fol­genden vier Kindern: Anne (*18.8.1894), Jeanne (*26.12.1895), Paul (*25. 8.1897) und Hélène (*22.8.1899).

 

Ein in Fond de Gras, im Ort genannt „Klengblénken» gelegenes Wohnhaus mit Räumlichkeiten, welche man zu Geschäftszwecken benutzen konnte, wurde im Frühjahr 1907 von den Eheleuten Michel Piren und Marie Heuschling, Schenkwirte an der Ober­korner Grenze, zum Verkauf angeboten. Die Wirtin Anne Müllesch- Frantzen erwarb am 22. April 1907 das Haus für 14250.- Franken auf den Na­men ihres Schwiegersohnes Jean Klensch. Die Wirtin, deren einzige Erwerbsquelle die Wirtschaft dar­stellte, wollte sich auf diese Weise vor jeglicher unbequemer Konkur­renz in Fond de Gras schützen.

Links: «D’Giedel», die beherzte Wirtin Anne Müllesch-Frantzen mit ihrer jüngeren Tochter Anne in Fond de Gras.

Rechts: «D’Giedel» umgeben von ihren Gästen.

 

Bildaufnahmen von +-1900.

Collection Mme Rosalie Jankowski-Bosseler.


Das betreffende Haus wurde kurz da­nach durch einen unterirdischen Gru­beneinsturz in seinen Grundmauern erschüttert. Es blieb unbewohnbar und zerfiel langsam. Die letzten Mau­erzüge wurden in den fünfziger Jah­ren eingeebnet; der Standort selbst gelangte 1986 in Staatsbesitz. Raubüberfälle und Einbrüche waren damals an der Tagesordnung. Eines Tages überraschte ein fremder Ein­dringling die Wirtin in ihrem Haus und verlangte unverschämt ihre Barschaft. Das kleine Hündchen, welches die Witwe stets begleitete, sprang bellend an den Räuber. Bergleute, die sich in der unmittelbaren Nähe aufhielten, hörten den Tumult und eilten herbei. Doch der Dieb entkam, diesmal aller­dings ohne Beute. Das Schlimmste konnte noch einmal verhindert wer­den, aber der Schrecken blieb zu­rück.

 

Brenzlich war die Lage ein jedesmal nach Abschluss des Zahltages, wenn die Grubenarbeiter vorbeigekommen waren, um ihre Konten zu begleichen. Denn bezahlt wurde erst bei Lohn­auszahlung und zwar, wie damals üb­lich, mit Goldstücken. Die kluge «Giedel» gedachte nie das Geld in ihrer Wohnung zu horten. Nach dem Zahl­tag kam eines ihrer Enkelkinder aus Niederkorn hier vorbei und nahm das mit den Goldfüchsen gefüllte Leder­säckchen behutsam mit nach hause. Von dort erst brachte man das Geld zur Bank.

 

Anne Müllesch-Frantzen, die beherz­te Wirtin und erste «Giedel» von Fond de Gras starb am 18. April 1915. Wit­frau Hélène Bosseler-Müllesch, ihre älteste Tochter, übernahm die Wirt­schaft und zog mit ihren Kindern vom Niederkorner «Piitzes»-Haus um in ihr altvertrautes Heimathaus. Im Jahre 1916 gestaltete sie das Hausinnere in der Form um, wie es noch heute be­steht.

 

Sohn Paul, der kurze Zeit im Bergbau tätig war, half ihr in der Wirtschaft, bis er dieselbe später selbst übernahm. Paul Bosseler heiratete am 13. Januar 1921 in Differdingen Elise Gries aus Niederrodingen. Der Ehe entsprossen zwei Söhne und zwei Töchter: Nicolas, Alphonse, Marie und Rosalie.

 

Beim Einmarsch der NS-Streitkräfte im 2. Weltkrieg wurde Fond de Gras schonungslos in die Kampfhandlun­gen verstrickt. Am 11. Mai 1940 ver­drängten Wehrmachtsinfanteristen, die bereits am Tage zuvor auf dem Ti­telberg Stellung bezogen hatten, die französischen Verteidiger bis vor den Rodenhof.

 

Wie die meisten Bewohner von Fond de Gras, so suchten auch die Angehö­rigen der Familie Bosseler-Gries Zu­flucht in einem etwas talabwärts ge­genüber ihres Wohnhauses gelegenen Minenganges. Von dort aus gelangten sie unter Tage nach Rollingen. Über Petingen führte der Weg weiter mit der Bahn nach Ettelbrück in die Evakuie­rung.

 

Im Zuge der von der NS-Zivilverwaltung eingeleiteten Verdeutschungs­kampagne taufte man die Ortsbezeich­nung Fond de Gras in Erzgründchen um. Bald danach wurden die beiden Söhne der Eheleute Bosseler-Gries in die deutsche Wehrmacht zwangsre­krutiert.

An den Sonntagsnachmittagen, wenn die überheblichen NS-Kollaborateure ihren gewohnten Spaziergang zur Waldschenke im Erzgründchen unter­nahmen, verschwand Schenkwirt Paul Bosseler über den schmalen Wald­pfad hinter dem Haus auf den Titel­berg.

 

Ziemlich schnell erweckten die Titel­bergantiquitäten sein Interesse. Anre­gungen hierzu erhielt er ferner vom be­kannten Titelbergarchäologen Franz Erpelding, den er persönlich gut kann­te und «de Fraanz» nannte. Durch die sonntäglichen Felderbegehungen ent­stand eine sehenswerte kleine Samm­lung von Münzen, Fibeln und sonsti­gen Kleinfunden. Etliche Keramik­bruchstücke gehörten auch dazu. Das Prunkstück dieser Sammlung bildete eine schmucke Gemme, die bedauerli­cherweise verloren ging. Überhaupt besass «Piitzes Pol», wie einheimische Niederkorner ihn nannten, einen gro­ssen Sinn für kulturhistorisch wert­volle Altertümer. So rettete er unter anderem auch das steinerne Grab­kreuz seiner Grossmutter Marie Hummer-Thiltges aus dem Jahre 1863, welches wie die Titelbergsammlung die Bestände des Staatsmuseum berei­chern sollten.

 

Bedingt durch den europaweiten Wie­deraufbau, gewann die Erzausbeutung in Fond de Gras in den Nachkriegs- jahren wieder zunehmend an Bedeu­tung. Der Koreakrieg (25.06.1950 - 27.07.1953) verlängerte die Konjunktur. Eine «Revue»-Reportage von Erny Kley, vom 26. September 1953, betitelt «Fond de Gras. Ein Dorf ohne Schule, ohne Kirche und ohne Wasserlei­tung», schildert den Ort Fond de Gras als arbeitsames Bergarbeiterdorf in­mitten desselben sich ein urgemütli­ches Wirtshaus befindet.

Der Standort (siehe Pfeil) des von der «Giedel» auf den Namen ihres Schwieger­sohnes in Fond de Gras gekauften Hauses zur Ausschaltung jeglicher Konkurrenz.

 

Auszug aus der «Topographischen Karte des südwestlichen Luxemburgischen Erz­beckens: Beles, Differdingen, Petingen, Rodingen mit anschliessendem Grenzgebiet». H. Schliep, Chef-Topograph und M. Franck, Oberleutnant. Um 1905.


Altes Werbebild mit Darstellung der Brauerei Bofferding Frères aus Niederkerschen. Am Bildhorizont von links nach rechts erkennbar: der «Bobësch» auf Niederkerschener Bann, der «Ratten» bei Oberkorn, ein Hügel (Zeugenberg) unweit der Kornquelle und die Questa der Minettebergformation (Doggerstufe), genannt «de Bierg».

 

Bildsignatur: Friedr. Schoembs, Offenbach a/M.


«Bei der Giedel», so Erny Kley «nennt man das Wirtshaus, das heute bereits die dritte Generation seines Erbauers beher­bergt. Der Name erbt sich von Genera­tion auf Generation und die Giedel ist jeweils die Gro ’si aus dem Hause.

 

Es ist herrlich an einem sonnigen Tage hier auf der Terrasse zu sitzen, umringt von roten Felsen die grünes Laub krönt. Vor uns perlt in der Sonne ein saftiger Humpen, gegenüber sitzen kräftige Män­ner, braungebrannt, die Mütze schief über die Augen gestülpt und die kräftigen Arme über den Tisch gekreuzt. Sie reden von ihren Funden auf dem nahen Titel­berg, von Münzen und Krügen und von den Brunnen die sie auswerfen, erzählen uns die Titussage und zeigen blaue und rote Römerscherben, die sie grosszügig verschenken.

 

Oder die Giedel berichtet, wie früher der Titelberg noch schöner und flacher war, dass sie die Ecksteine der Römerpforte auf Walleflass noch gesehen, oder sie erzählt wie es in der gudder âler Zeit war, als 1880 ihre Wohnung mit dem Bahnhof noch die einzigen Häuser von Gras waren.»

 

1954 kam das Ende für den Bergbau in Fond de Gras und damit war es auch mit der traditionellen Kundschaft der Grubenarbeiter vorbei. Noch eine Zeit lang hielten einige Bergleute die Was­serpumpen in der Grube Thy-le-Château in Betrieb, weil man der Ansicht war, die Wirtschaftskrise sei vorüber­gehend. Zum erhofften Aufschwung kam es aber nicht mehr. Die letzten Bergarbeiter verschwanden ebenfalls aus dem Wirtshaus.

Linkes Foto: Porträt der achtzigjährigen «Giedel» Hélène Müllesch war die älteste Tochter von Léonard Müllesch und Anne Frantzen und die zweite «Giedel» von Fond de Gras.

Revue, Letzeburger lllustre’ert, No 39,1953.

Foto: Marcel Strainchamps, B.N.L.

Rechtes Foto: Kollektion Maryse


Winterliche Ansicht während des 2. Weltkriegs, ln der Bildmitte rechts der zum Haus gehörende Garten.

 

Collection Madame Rosalie Jankowski-Bosseler.


Die Wirtschaft «bei der Giedel» blieb hauptsächlich ein Treffpunkt für heimische Spaziergänger, Titelbergaus­gräber und Antiquitätensammler. Zu den spektakulären Titelbergfunden der damaligen Zeit zählte die Ent­deckung eines um 280 n. Chr. versteck­ten Münzschatzes durch Joseph Greisch, Bergarbeiter aus Nieder­korn.

 

Durch Gesetz vom 21. März 1966 kam es zum generellen Ausgrabungsverbot, ohne besondere Ermächtigung vom Minister der Kultur und Wissen­schaften.

 

Am 12. März 1966 starb die zweite «Giedel» von Fond de Gras im betag­ten Alter von 93 Jahren.

„Bei der Giedel“, eine Wirtschaft mit Tradition. Werbeanzeigen in Vereinsfestschriften.

1) Aarbeschter-Ennerstetzungs-Veräin Rodange, 1964

 

2) Société de Musique Lamadelaine, 1970


Gesamtansicht des Café Paul Bosseler-Gries. Das Wirtshaus am Fusse des rauschen­den Titelbergwaldes bildete bis 1978 den Ortsmittelpunkt von Fond de Gras. Bildauf­nahme an einem frühen Sommernachmittag im Juli 1973.

 

Foto: Serge Sologna, Luxemburg.


Zu allen Jahreszeiten lohnte sich ein kurzer Abstecher zur naturumringten Gastwirtschaft. Am 1. Mai, wenn mor­gens bereits reges Treiben oben in den frischbelaubten Wäldern vorherrsch­te, dauerte es nicht lange bis die ersten gut aufgelegten Kunden, mit oder ohne Maikranz, hier fröhliche Früh­jahrslaune verbreiteten.

 

An den sonnigen Wochenenden der Frühjahr- und Sommermonate herrschte jeweils grosser Andrang «bei der Giedel». Sowohl im Innern des Wirtshauses wie auf der Terrasse be­stand akuter Platzmangel. Von allen Seiten der waldumsäumten Talmulde strömten ganze Sippen mit schallen­dem Gegröle herbei, um ihren Durst am anheimelnden Ort zu erquicken. Schenkwirt Paul und seine Gattin Eljse, die dritte «Giedel» von Fond de Gras, hatten alle Hände voll zu tun.

 

Zuweilen packten ihre Töchter Rosali e und Marechen oder Maisy mit an.

 

Gegen Ende des Schuljahres führte auch so mancher Schulanfang zur «Giedel», wo sogar der Lehrer nicht abgeneigt war, eine längere Rastpau­se einzulegen.

 

Freunde der Natur, die im Herbst die naheliegenden Waldungen des Titel­bergs, der Graskopp und des Jungen- buschs im buntscheckigen Laubge­wand aufsuchten, versäumten keines­falls an hiesigen Ort eine Verschnauf­pause einzulegen.

«de Pol», für Alteingesessene «Piitzes Pol». Schenkwirt Paul Bosseler, Inhaber des Café «bei der Giedel». Passbild um die 70ger Jahre. Rechts, seine Gemahlin, Mme Elise Bosseler-Gries, die dritte «Giedel». Passbild vom 8.11.1968.

 

Collection Mme Rosalie Jankowski-Bosseler.


Ein unverminderter Reiz bot sich im Winter, bei klirrender Kälte im ver­schneiten Talgrunde, wo friedvoll der hohe Kamin qualmte. Unvergessen bleibt nicht zuletzt die vorweihnacht­liche Stimmung, im spärlich beleuch­teten Raum, wo das Geknister des Holzofens gelegentlich das Geplauder unterbrach und der duftende Weih­nachtsbaum die Stammtischecke be­schaulich zierte.

Mit der offiziellen Inbetriebnahme des Train 1900 im August 1973 entdeckten allmählich die Sonntagsausflügler der nostalgischen Bahn die Gastwirt­schaft. Im Jahre 1977 schrieb Pol Aschman diesbezüglich: «Von dort aus (Bahnhof Fond de Gras), Spaziergang der Fahrgäste oder Verweilen an der Buvette, oder Promenade zu den fünf Häusern des Weilers hinauf wovon eines sich Café mit Terrasse nennt und von den Einheimischen bei der Giedel gehei­ssen wird.»

 

Bild von Pol Collette 1983

Kollektion: Maryse


Am 8. Januar 1978 fand vor dem Café Bosseler-Gries der Start der Landes­meisterschaft im Radquerfeldein-Rennen «Championnat national de Cyclo-Cross) statt, organisiert vom Radsport-Verein International Differdingen (Club Cycliste International de Differ­dange). In der Programmbroschüre widmete Aloyse Seil, unter Berufung auf das noch nicht publizierte Manus­kript von Nic. Kodisch’s «Studien zur Toponymie und Geschichte der Gemein­de Differdingen», einen Kurzartikel über den Grasgrund betitelt «Fond de Gras». Illustriert war dieser Beitrag mit einer Fotoansicht des Café «Bei der Giedel».

 

Am Abend des 20. Februar 1978 brach unerwartet ein Brandfeuer im ehe­maligen Providence-Minengebäude, unterhalb der Schenkwirtschaft aus. Durch das rasche Eingreifen der Differdinger Feuerwehr konnte das befürchtete Übergreifen auf das Wirtshaus rechtzeitig verhindert wer­den.

 

Seit 1978 bewirkte die Stahlkrise, dass eine Anzahl Vorruheständler und Pen­sionäre sich am lauschigen Platz im abgeschiedenen Fond de Gras zum Treff einfanden. Hier war es ihnen gestattet in fröhlicher Runde, fern vom banalen Alltagsrummel, alte Erinne­rungen aufzufrischen.

 

Gewiss schien das einfache Haus auf den ersten Blick wegen seiner zurück­versetzten Lage etwas befangen. Das Fehlen der Hausnummer oder der sonst so üblichen Leuchtreklame über dem Türeingang wirkte ungewohnt, ja schon fast befremdend. Doch die schlichte Haustür liess bereits erahnen, was sich dahinter verbarg. Eine urge­mütliche Wirtsstube, ohne flimmern­den Farbfernseher, ohne schrillende Spielautomaten, wo eine behagliche Atmosphäre herrschte, lebhaft ge­schaffen von der geselligen Kund­schaft.

 

Und der Inhaber des Wirtshauses war ein genauso einfacher, rechtschaffen­er Mensch. Er stand beim schmalen Ausschank und fragte gelassen «Wat gefälleg?». Hinter ihm erhob sich der hohe Glasschrank, bekrönt von einer Bildaufnahme der alten «Bich», jener altehrwürdigen Buche, welche bis 1957 auf luftiger Höhe, oberhalb Rodange, die Korntalweite beherrschte.

Die geschätzte Terrasse vor der Schenke am 16. Juli 1983. An heissen Sommernach­mittagen stand der Türeingang der Wirtschaft durchweg offen.


Als alteingesessener Bewohner von Fond de Gras wusste er über das hie­sige Grubenrevier am besten Be­scheid. Er sprach gerne von der gu­ten alten Zeit, von der «Belle Epoque» und den Goldenen Zwanzigern. Aber auch so manche spassige Anekdote verstand er freimütig aufzutischen, wobei legendär anmutende Gestalten, wie zum Beispiel Max Meier oder Emile Mark, in seiner humorvollen Gebärde kurz wieder auflebten.

Kennzeichnend für Paul's Wesenart war sein trockener Humor, der sich durch sein verschmitztes Lächeln offenbarte. Die leutseligen Wirtsleute aus Fond de Gras hier anlässlich einer Familienfeier im Jahre 1977.

 

Collection Mme Rosalie Jänkowski-Bosseler.


Gemäss der Aussage von Paul Bosseler wurde der 1934 auf dem Titelberg vorgefundene römische Votivaltar mit der Widmung an den Schutzgeist der Vosugonen (GENIO VOSVGONVM) von den Amateurarchäologen Philbert & Garnier aus Hussigny-Godbrange entdeckt.

 

Bildaufnahme aus: Josy Meyers, Antiqueties in the Grand-Duchy and the Museum of Luxembourg.


Ebenso verblüffende Angaben ver­mochte er über diverse Titelbergfunde zu machen. So erzählte er unter ande­rem, dass der 1934 zu Jahresbeginn auf dem Titelberg entdeckte römische Vo­tivaltar an den Schutzgeist der Vosu­gonen zuerst von den bekannten fran­zösischen Amateurarchäologen Phil­bert & Garnier aus Hussigny-God­brange freigelegt wurde, ehe Franz Erpelding ihn erwarb.

 

Über den Münzschatz, der gleich von seinem Entdecker, dem Ausgräber Joseph Greisch verscherbelt wurde, sagte er, es habe sich hierbei um einen Tonkrug gehandelt, dessen Hals ab­gebrochen war und der genau 627 römische Kleinbronzemünzen ent­hielt. In der Erde, rund um den Krug, befanden sich viele weitere Münzen. Zusammen mit dem Krug kamen noch eine starkbeschädigte Eponaskulptur aus lokalem Muschelkalkstein und eine prachtvolle Bronzefibel mit Pegasusmotif zum Vorschein, welche in den Besitz von Franz Erpelding ge­langten.

 

Paul Bosseler starb am 17. April 1985. Mit seinem Ableben ging zweifellos ein gutes Stück Alt-Fond de Gras zu­neige. Rosalie und ihre Tochter Maryse halfen der Witwe beim Ausschank bis zum Jahresende. Der 31. Dezember 1985 war der letzte Tag im eigenstän­digen Café der Familie Bosseler-Gries.

Blick hinter die schmale Theke.

Im Hintergrund, etwa in der Bildmitte links, unter der schmucken Wanduhr, liegen noch die Schaumstoff- und Wollkissen, welche die ältere Kundschaft auf die harten Holzbänke zu legen pflegte. Etliche dieser Kunden gaben sogar vor hier ihr hauseigenes Sitzkissen zu besit­zen.

31.12.1985.

Der letzte Tag im ursprünglichen Café Paul BOSSELER-GRIES. 

v.l.n.r. Maryse - Rosalie - Élise - Maisy


Innenansicht des Wirtshauseingangs. Man drückte die blanke Messingklinke und die Friesentür öffnete sofort in das Schenklokal. Grossgewachsene Mannspersonen muss­ten nochmals den Kopf einziehen, denn der niedrige Tragbalken, der die tapezierte Balkendecke trug, versperrte den geraden Zugang zur Wirtsstube.


Trotz der klirrenden Winterkälte scheute Jung und Alt von weit und breit keine Mühe um noch einige gemütliche Augenblicke im altvertrauten, ofenbeheizten Schenkraum zu verweilen. Im Hintergrund, die vom Fenster erhellte Eckbank. Sie war besonders begehrt.


Eine Trinkstube wo stets Geselligkeit vorherrschte. Schenkwirtin Rosalie gibt ihrer Tochter Maryse, hier als Kellnerin tätig, Anweisungen hinter dem Ausschank. Die letzte Runde war an diesem Tag zahlfrei!

 

PS: In der Ecke sitzt René Schmitz der "Bischof" von Rollingen.


Am Stammtisch unter den Jagdtrophäen, Robert Havé (+ 1991). Der Differdinger Geschichtsfreund hatte sich sogar mit der Bildkamera einbefunden, damit der letzte Tag im Café BOSSELER-GRIES auch dokumentarisch festgehalten werde.


Feierliche Eröffnung der ersten Kirmes in Fond de Gras am 27. Juni 1987 vor dem Café bei der Giedel.

1) Emile Reding «Hämmelsmarsch»-Hirt

2) Marcel Knauf, Schöffe

3) Henriette Schmit, die neue «Giedel»

4) René Erpelding, Schöffe

5) Robert Krieps, Kulturminister

6) Fernand Pantaleoni

7) Gilbert Kubaj, Gemeindebeamter

8) Armand Kolbach, Polizeikommissar aus Petingen

9) Fred. Hipp, Wachtmeister

10)Paul Bohnert, Präsident der AMTF.

Links im Hintergrund die Fanfare Niederkorn.

Foto: Jos. Boentges, Petingen.

 

Collection Mme Henriette Schmit, Fond de Gras.



Die Renovierung erhaltenswerter Bausubstanz

Im Herbst 1985 hatten Arbeiter der An­tikrisenabteilung (Division Anti-Crise) erstmals unterhalb des Café Bosseler-Gries mit der Freilegung der Grundmauern des ehemaligen Providence-Minengebäudes begonnen. Das Gebäude war nämlich kurz nach dem Brand, im Jahre 1978, vom Eigen­tümer, das Stahlunternehmen MMR- A, abgetragen worden.

 

Nach dem Wiedereintritt von LSAP-Präsident Robert Krieps ins Kulturministerium, am 20. Juli 1984, war ein Projekt zur Erhaltung der Denkmäler der industriellen Vergangenheit aus­gearbeitet worden. Dieses Projekt wur­de nun in den Bereich der Bewahrung des kulturellen und architektonischen Patrimoniums eingegliedert.

 

Es sah unter anderem vor, den Ort Fond de Gras mit der von der AMTF (Association des Musées et du Tourisme ferroviaires) instandgehaltenen Bahnhofsanlage als Schwerpunkt des erhaltenswerten Industriepatrimo­niums auszubauen. Die verschlafene Schenke oberhalb des Bahnhofs sollte innerhalb dem sogenannten Industrie- und Eisenbahnpark (Parc industriel et ferroviaire) eine Hauptsehenswürdig­keit darstellen, zumal sie einst die Kneipe der hierum werktätigen Berg­arbeiter (Bistro des Mineurs) war.

 

Am 1. Januar 1986 hatte die Wirtin Henriette Schmit aus Petingen die Wirtschaft übernommen und im Sinne ihrer Vorgänger mit bestem Erfolg weitergeführt.

 

Im Laufe des Jahres 1986 bot sich für den Staat die einmalige Gelegenheit das historische Wirtshaus samt dem Anbau und dem gegenüberliegenden Garten von der Familie Bosseler-Gries zu erwerben.

 

Noch im selben Jahr begann die staat­liche «Commission des Sites et Monu­ments», unter der Leitung von Archi­tekt Claude Schumacher, mit der Re­novierung des Anwesens. Neue Kami­ne wurden errichtet. Die Stallungen unterhalb der Gaststätte wurden um­gebaut und im darauffolgendem Jahr in einen weiteren Schenkraum und Speisesaal in rustikalem Stil transfor­miert. Mitte Juni legte man eifrig eine bequeme Terrasse vor diesem Neben­gebäude an, denn es war hoher Besuch angekündigt.

 

Am 27. Juni 1987 erschien sodann Kul­turminister Robert Krieps in Präsenz zahlreicher Ehrengäste auf der Gross­baustelle Fond de Gras. Er hatte der Einladung zur ersten Kirmes in Fond de Gras Folge geleistet, eine Veranstal­tung zur Neubelebung des geschichts­trächtigen Erzgrubenortes, welche die «nei Giedel» Henriette Schmit und AMTF-Präsident Paul Bohnert ge­meinsam ins Leben gerufen hatten. Ehe das Trikoloreband durchtrennt wurde, wies der Kulturminister in einer kurzen Ansprache auf die Wich­tigkeit der Konservierung und Reva­lorisierung des industriellen Erbgutes in Orten wie der ehemalige Erzstand­ort Fond de Gras hin, eine Aufgabe die letzlich zur Wahrung der regiona­len und nationalen Identität beitrage.

 

Robert Krieps, der joviale Volksvertre­ter, war durch private Wanderungen im waldbehangenem Grasgrund und in der näheren Umgebung ortskundig geworden. Indem er die Erhaltung des industriellen Patrimoniums förderte, wollte er der Demokratisierung der Kultur um ein gutes Stück vorankom­men. Später, am 7. Mai 1989 nahm er als Kultur- und Umweltminister an der Einweihungsfeier der Paul Würth-Halle in Fond de Gras teil. Der engagierte Humanist und Europaparlamentarier starb am 1. August 1990.

Robert Krieps, der joviale Parlamenta­rier mit der roten Rose. Der volksnahe Minister war von der Idylle des ge­schichtsträchtigen Ortes Fond de Gras beeindruckt.

 

Foto: Ministère des Affaires culturelles.


Im gleichen Jahr 1987 erfolgte die Er­neuerung des Ziegeldaches. Anstelle der Herzziegeln kamen neuartige Flachdachziegeln mit kombiniertem seitlichen Hohlziegel von der französi­chen Ziegelei Ste-Foy (Stempelmar­kierung: ST FOY 87.T). Im Vorfrüh­jahr 1988 erhielt die vordere Traufwand einen neuen Bretterschirm und im Frühjahr fanden vor dem Anwesen erstmals Kanalisierungsarbeiten statt. Die Gaststube im Hausinnern konn­te ihren authentischen Charakter weitgehend wahren. Allerdings ver­schwand der für seine Zeit so typisch gewesene schmale Ausschank. Eine Türöffnung zum neuen Schenkraum und Speisesaal wurde in die Nord­westwand eingelassen und das Rauch­rohr nach vorne verlagert.

 

Am 1. April 1990 war dann auch rund um das «Café bei der Giedel» alles so­weit fertiggestellt. Vom ursprüngli­chen Haus blieben nach der äusseren Renovierung lediglich die Haustür, die Fenster und die Klappläden als origi­nale Bestandteile übrig.

Das neue Tonziegeldach nach der Ein­deckung. Die Originaltraufwand besteht noch, während die rechte Giebelwand bereits erneuert wurde.

Bildaufnahme vom 4. Oktober 1987.


Ansicht nach vollendeter Traufwanderneuerung. Während den Kanalisationsarbei­ten sicherte eine einfache Holzbrücke den Zugang. Bildaufnahmevom 16. April 1988. 

Das «Café bei der Giedel» nach der Renovierung. Originale Bestandteile des ur­sprünglichen Hauses sind lediglich die Haustür, die Fenster und die Klappläden. Bildaufnahme vom 1. April 1990.



Erinnerungen

Zeichnung von Roger Bour - um 1970

 

 

Menüskarte von Henriette Schmit (4. Giedel)



Alle Eigentümer & Pächter

1. Léonard Müllesch & Anne Frantzen 1880 - 1915

2. Paul Bosseler & Hélène Müllesch 1915 - 1966

3. Paul Bosseler & Élise Gries 1966 - 31.12.1985

 

1986 erwarb der Staat das historische Wirtshaus samt dem Anbau und dem gegenüberliegenden Garten von der Familie Bosseler-Gries.

 

4. Henriette Schmit 1986 - 

5. Libert Guy

6. Flammang Guy

7. Bossong Alain 2006 - 2017

8. Alves Bert & José Capela 2017 - heute


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Warum das Restaurant "Bei der Giedel" nicht mehr so heißen darf
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„Die Leute werden es weiterhin ,Giedel‘ nennen“
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