19.01.1933: Bergmannsunglück in Fond-de-Gras

Intro

Des Texter sin aus der Broschür vum 75zigsten Anniversaire vun der Chorale Lamadelaine d.h. aus dem Joer 1975.

Si sin menger Meinung no vum Biever Roger zesummegesaat gin.

 

Bergleute sind bei uns selten geworden! In unserer Ortschaft, die früher Hunderte von Bergleuten beherbergte, gibt es nur noch wenige. Die früheren Galerien liegen verlassen da, die Geleise werden von Gestrüpp überwuchert, Fond-de-Gras, einst blühender Bahnhof von Lamadelaine, gliche einer Geister­stadt würde nicht das Cafe Bosseier, „Bei der Giedel“, zur freundlichen Ein­kehr einladen und eine tapfere Gruppe von Eisenbahn-Idealisten versuchen, dem alten Bahnhof zu neuem Leben zu verhelfen.

 

Heute wird im Tagebau gearbeitet und neue Pisten für Lastwagen werden über unsern, ach so gequälten und durchbohrten Berg getrieben.

 

Die Minettelandschaft ist ebenso zerwühlt, geborsten, eingestürzt, abgetragen, aufgetippt, gesprengt! Sie hat den Reichtum geschaffen für ihre Bewohner, für uns!

 

Der „Minettsdapp“, der Bergmann, verschwindet zusehends. Er wird zum Baggerführer, Lastwagenfahrer oder Maschinenspezialisten. In Rümelingen ist die Galerie zum Museum geworden. Wir aber wollen zurückblenden in das harte Leben der Mineure vor nicht allzulanger Zeit, vor „nur“ 40 Jahren!

 

1933! ein Krisenjahr nicht nur für Luxemburg; es herrscht weltweite Krise! Arbeitslosigkeit gibt es im ganzen Land.

 

In manchem ähnelt die Situation der heutigen. Der Goldstandard ist aufgehoben worden! In Frankreich bahnt sich eine Regierungskrise an; am 28. 1. 1933 wird die Regierung Boncour gestürzt. Roosevelt und Lindsay treffen sich, um über die Kriegsschulden zu verhandeln. In Deutschland bereitet Hitler die Machtübernahme vor; er wird am 30. 1. 1933 Reichskanzler. In Luxemburg freut man sich über den bevorstehenden Geburtstag von Großherzogin Char­lotte!

 

Auf dem Differdinger Wochenmarkt werden am 18. 1. 1933 folgende Preise notiert :

 

Differdingen, 19. Jan. — Auf dem gestrigen Wochenmarkte wurden fol­gende Preise notiert : Molkereibutter 10 Fr., Landbutter 9 Fr., gekoch­ter Käse 5 Fr. das Pfund, frische Eier 8 Fr. das Dutzend, Hühner und Hähne 20-25 Fr., Schlachtkaninchen 40-50 Fr., Hasen 50-55 Fr. das Stück.

 

Da geschieht das Bergmannsunglück in Fond-de-Gras

 

„Luxemburger Wort“ - 19. und 20. 1. 1933 :

 

Fond de Gras, 19. Januar.

 

Kurz nach 10 Uhr stürzte in der Grube „Thy-Ie-Château“ ein Teil dies grauen Lagers zusammen. 6 Bergleute wurden ver­schüttet. Sofort wurden mit allem Eifer die Rettungsarbeiten der Verschütte­ten aufgenommen. Der Grubeningenieur und auch der Grubenaufseher weilen an der Unfallstelle. Ob die Verschütteten noch am Leben sind, konnte noch nicht festgestellt werden.

 

Nach einer spätem Meldung, ist nur die sogenannte „Strecke“ eingestürzt. Für die Arbeiter bestehe keine Gefahr. Die Verbindung mit ihnen sei auf­recht erhalten.

 

Rodingen, 20. Januar.

 

In unserer gestrigen Nummer waren wir bereits in der Lage, von dem schweren Unglück zu berichten, das sich auf Grube Thy- le-Chateau et Marcinelle zu Fond de Gras ereignet hat. Leider ist die Ein­sturzstelle bedeutender, als anfänglich angenommen wurde. Wie gestern nach­mittag verlautete, ist ein Stollen im grauen Lager auf einer Länge von 45 Me­tern eingestürzt. 6 Bergleute wurden dadurch von der Außenwelt abgeschnit­ten. Die Rettungsarbeiten wurden sofort fieberhaft in Angriff genommen. Die staatliche Bergbaubehörde traf eiligst die nötigen Anweisungen und auch von der Hüttendirektion Ougree-Marihaye wurden sofort umfassende Rettungs­arbeiten aufgenommen. Diese gestalteten sich sehr schwierig, da man von ei­nem 25 Meter entfernten, parallel laufenden Stollen der Ougree-Marihaye-Gesellschaft zu den Verunglückten Vordringen und dabei 36 Meter tief durchstoßen muß. Diese Rettungskolonne stößt also von seitwärts auf die Unglücks­stelle zu. Bis heute früh war man etwa 10-11 Meter vorgedrungen. Man rech­net allgemein damit, daß man nicht vor Samstag zu den Verschütteten wird stoßen können. Die Meinungen über das Schicksal derselben sind geteilt. Anfänglich konnte durch Klopfzeichen eine Verbindung mit den Eingeschlos­senen und der Außenwelt hergestellt werden. Später erfolgte auf die von der Rettungskolonne gegebenen Zeichen keine Antwort mehr.

 

Personalien der Eingeschlossenen laut Tageblatt-Bericht

 

Bei den Eingeschlossenen handelt es sich um einen Belgier und 5 Luxem­burger.

 

Es sind :

 

Phil. BAASCH, verheiratet, Vater von 6 Kindern, von denen die arbeitsfähigen Söhne arbeitslos sind und dessen jüngstes Kind erst 2

                            Jahre alt ist. Er ist seit 18 Jahren Bergarbeiter.

 

Nik. HIRTZ, 40 Jahre alt, verheiratet, 2 Kinder, das jüngste etwa drei Jahre alt, seit 19 Jahren Bergmann.

 

J. P. HOSCHEID, 27 Jahre alt, ledig, seit 8 Jahren Bergmann.

 

Mich. STORCK, 42 Jahre alt, verheiratet, 5 Kinder, das jüngste 4 Jahre alt, seit 9 Jahren Bergmann.

 

Nik. WEYER, der seit 8 Jahren Bergmann, verheiratet und Vater eines Kindes ist und der erst seit 14 Tagen wieder arbeitet, da er vor

                         einigen Monaten schon verunglückt war.

 

Dom. SCHWINDEN, ein Belgier, der ebenfalls verheiratet ist.

 

Sind diese sechs Menschen noch am Leben ?

 

Man muß es glauben. Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Einbruch solche Ausmaße erreicht haben sollte, daß das Gestein auch an der Arbeitsstelle, an der die sechs sich im Augenblick des Zusammenbruchs befinden mußten, eingebrochen wäre.

 

Es besteht nun bei solchen Einbrüchen die Gefahr, daß das Wasser, das aus dem Berg sickert, keinen Abfluß mehr findet, daß es sich nach und nach staut und den Stollen mit der Zeit vollkommen anfüllt, wenn nicht rechtzeitig Hilfe gebracht wird. Es wäre dies ein schreckliches Ende für die Einge­schlossenen.

 

Die Annahme, daß die sechs Arbeiter noch am Leben sind, ist nur eine, allerdings wohlbegründete Mutmaßung. Denn es gelang noch nicht, sich mit ihnen, durch Klopftöne etwa, in Verbindung zu setzen. Man glaubt den Don­ner von Sprengungen aus den eingeschlossenen Stollenabschnitt gehört zu haben. Man nimmt an, daß die Eingeschlossenen damit Lebenszeichen ge­ben wollten. Aber der ganze Berg ist durchwühlt, überall wird gesprengt. Wer könnte da behaupten, es handele sich bei den Schüssen um Signale der Eingeschlossenen ?

 

Das Wichtigste ist nun, diese Armen zu retten, und zwar möglichst schnell. Wie lange ein Aufräumen des eingebrochnen Stollens dauern wird, ist schwer zu sagen, da man ja nicht die Ausdehnung des Einbruches kennt und da man äußerst vorsichtig vorgehen muß, weil noch immer Gestein nachfällt. Heute morgen um 6 Uhr war man erst drei Meter vorgedrungen. Es dürften jedenfalls Tage vergehen, bis man durchgedrungen sein wird.

 

Man hat nun den Plan gefaßt, von einer anderen Grube aus, der Grube Doehl der Gesellschaft Ougrée-Marihaye, durchzubrechen. Ein Stollen dieser Grube kommt nämlich auf 35 Meter an den abgeschlossenen Stollen der Grube Langfuhr heran. Nach Ansicht der Minenverwaltung wäre hier ein Durchbruch in 48 Stunden zu bewerkstelligen. Bis heute früh war man an dieser Stelle 7 Meter weit vorgedrungen. Man hat außerdem versucht, von hier aus mit ei­nem Spezialbohrer, der Durchstiche von 20 bis 25 Meter erlaubt, in Verbin­dung mit den Verschütteten zu gelangen. Leider wurde der hierbei gebrauchte Motor defekt, sodaß diese Arbeit aufgeschoben werden mußte.

 

Unterdessen sitzen sechs Menschen, schwankend zwischen Angst und Hoff­nung, von der Welt abgeschlossen. Allmählich wird ihnen die Beleuchtung ausgehen, Hunger und Durst werden sich einstellen, die Verzweiflung wird sie anspringen. Bergmannsschicksal, wird man achselzuckend sagen. Aber ist dieses Schicksal so unumgänglich ? Waren alle Garantien gegeben, daß alles so war, daß eine Katastrophe vermieden werden konnte, wenn ihre Verhinderung in menschlicher Macht lag ? Das muß die weitere Untersuchung ergeben.

 

Vor Einem muß jetzt alles in den Hintergrund treten : vor der schleunigen Rettung der Unglücklichen, soweit sie noch zu retten sind.

 

„Luxemburger Wort“ - 20. 1. 1933:

 

Später wird uns gemeldet :

Die von der Grube Ougrée eingeleitete Hilfsaktion wird nicht vor 36 Stunden zu Ende geführt werden können, da hier ein neuer Stollen von 1,50 auf 1,30 Meter auf eine Länge von etwa 30 Metern angelegt werden muß. Auf die Klopfzeichen von dieser Seite wurde ebenfalls nicht geantwortet. Wahrschein­lich haben aber die Eingeschlossenen diese Zeichen nicht gehört, da der Stollen, in dem sie sich befinden, etwas tiefer gelegen ist.

 

Um 10.45 Uhr wird gemeldet, die Rettungskolonne glaube, einen von den Verschütteten abgegebenen Schuß vernommen zu haben.

 

„Tageblatt“ - 21. 1. 1933 :

 

Die Bergungsarbeiten

 

Es wurde gestern weiterhin alles aufgeboten, um zu den Eingeschlossenen zu gelangen. Die Nachbargesellschaften helfen mit Leuten und Maschinen an der Rettung. Leider wird diese dadurch erschwert, daß der Hilfsstollen durch taubes Gestein und nach unten getrieben werden muß.

 

Eine Strecke der Grube „Doihl“ läuht parallel zur Unglückstrecke, aber im roten Lager 5 Meter über der Unglücksstrecke, die im grauen Lager liegt, und 35 Meter davon entfernt. Ein Hilfsstollen von 2 m hoch und 1,50 m breit wird getrieben mit allen verfügbaren Mitteln, und ohne Pause. Die Hilfsmann­schaften lösen sich Tag und Nacht ab.

 

Mit Hilfe einer Bohrmaschine, die bis 20 m vorbohren kann, hoffen die Ret­ter, bis Sonntag morgen die Verbindung hergestellt zu haben. Es scheint fest­zustehen, daß die Eingeschlossenen nicht im Dunkeln sind, da sie Karbid in genügender Menge bei sich hatten. Auch fehlt es nicht an Wasser.

 

Sicher haben sie schwer unter dem Hunger und der Kälte zu leiden. Die Temperatur in der Grube ist beständig und beträgt nur rund +6° Celsius. Mit dem Grubenholz Feuer zu machen, wäre gefährlich durch die Rauch­schwaden.

 

Der Sprengschuß, der am Donnerstag gehört wurde, ist ganz wahrscheinlich von den Eingeschlossenen abgebrannt worden. Deshalb ist die Hoffnung noch immer stark, die 6 unglücklichen Bergleute lebend zu retten. Bis Freitag abend wurden etwa 8 Meter im Hilfsstollen ausgefahren. An der Unglücks­stelle sind zwei Bohrmaschinen (Gestängebohrer mit Diamantkopf).

 

Die Rettung naht!

Wie wir heute morgen erfahren, ist es gelungen, mit den Eingeschlossenen die Verbindung herzustellen. Die sechs Bergleute sind alle am Leben und unverletzt. Die Herstellung der Verbindung geschah nicht, wie man ange­nommen hatte, durch den Verbindungsstollen, der von der Grube „Doihl“ ge­trieben wird, sondern durch das herabgestürzte Gestein. Man kann sich von hier aus durch Zuruf verständigen. Das herabgestürzte Gestein liegt nicht so kompakt zusammen wie es den Anschein hatte. Heute morgen etwas vor 4 Uhr wurde die Verbindung aufgenommen. Nach dieser glücklichen Wendung hofft man, daß es möglich sein wird, noch im Laufe des heutigen Tages die sechs Eingeschlossenen zu befreien.

 

Die größten Befürchtungen wurden bisher gehegt über die Gefahr, die in dem sich stauenden Grubenwasser bestand. Nach Mitteilung der Eingeschlossenen hat das Wasser sich tatsächlich gestaut, jedoch besteht auch in dieser Hin­sicht keine ernste Gefahr. Die verschütteten Arbeiter fahren wegen des Was­sers mit einem Waggon bis an die Einbruchsstelle heran.

 

Nach den Ausbrüchen des schwärzesten Pessimismus ist die Bevölkerung von Rodingen jetzt durchaus optimistisch gestimmt. Scharenweise zieht man zum Grubeneingang um die Befreiung mitzuerleben.

 

„Luxemburger Wort“ - 21. 1. 1933:

 

Rodingen, 21. Januar. — Die Bergbauverwaltung teilt der Presse mit: „Am Donnerstag morgen gegen halb 9 Uhr ging eine Seitenstrecke des grauen (untern) Lagers der Grube „Fond de Gras“, der Gesellschaft Thy-Ie-Chateau“ gehörend, zu Bruch. Durch diesen Bruch, dessen Ausdehnung zur Zeit noch nicht übersehen werden kann, wurden 6 Bergarbeiter, die ungefähr in einer Entfernung von 150 Meter von der Bruchstelle in drei verschiedenen Ab­bauen arbeiten, vom Rückweg abgeschnitten. Diese 6 Mann wurden voraus­sichtlich nicht von dem einstürzenden Gestein getroffen, da die Entfernung zu groß ist. Sie sind auch aller Wahrscheinlichkeit nach noch am Leben. Da die Wiederaufbauarbeiten des Streckenbruches sich von Anfang an sehr schwierig gestaltet haben, mußte an eine andere Lösung gedacht werden. Nach Ueberprüfung der Lage durch die Bergbaubehörde wurde festgestellt, daß in der anstoßenden Grube „Doihl“ der Gesellschaft Ougree-Marihaye ein Stollen des roten Lagers bis zu 35 Meter an die Arbeitsstelle der abgeschlos­senen Arbeiter, die jedenfalls offen steht, herankommt. Von dieser Galerie aus wurde nun ein Durchschlag von 1,5 Meter Breite und 2 Meter Höhe nach der Grube Thy-Ie-Chateau angesetzt und mittels forcierter Schießarbeit in vier mal sechsstündiger Schicht vorgetrieben. Diese Arbeiten schreiten tüchtig voran und der Durchstich wird im Laufe des Sonntags gelingen. Ferner wurden von der Grube Ougree aus zwei Spezialbohrmaschinen in Betrieb genommen, die eine raschere Verbindung mit den verschütteten Arbeitern herstelien sol­len und es ermöglichen, ihnen Nahrung zukommen zu lassen. Am Aufbau des Bruches selbst wird ebenfalls rüstig bei Tag- und Nachtschicht ununterbro­chen weitergearbeitet. Alle nur möglichen Rettungsmaßnahmen sind demnach getroffen. Erstickungsgefahr oder Gefahr für Ertrinken besteht nicht. Licht haben die Arbeiter noch für mehrere Tage, jedenfalls über den Sonntag hin­aus. Trinkwasser ist vorhanden, nur die Nahrungsmittel fehlen. Immerhin be­steht auch keine direkte Gefahr des Erhungerns, da man selbst bei Mißlin­gen der Bohrarbeiten, spätestens am Sonntag durchschießen und die Ver­bindung herstelien wird. Es verdient noch hervorgehoben zu werden, daß alle Arbeiter mit der äußersten Anstrengung an der Befreiung ihrer Kamera­den arbeiten und alle Beamten sowie Direktionen der betreffenden sowie be­nachbarten Gruben ihre Kenntnisse sowie die erforderlichen Hilfsmittel be­reitwilligst zur Verfügung stellten und sogar Tag und Nacht auf ihrem Posten aushielten. Was die Ursache des Streckenbruches selbst angeht, so verdient bemerkt zu werden, daß die Galerie im festen Lager stand und sehr gut ver­zimmert war. Nur sind die beiden oberen Lager an dieser Stelle abgebaut, und wahrscheinlich hatte sich hier ein großer Hohlraum gebildet, der plötz­lich mit ungeheurer Gewalt zusammenbrach und die Strecke zu Bruch schlug. Der reiche Wasserzufluß trägt hieran einen großen Teil der Schuld. Der Zu­sammenbruch der Strecke war umso leichter, als das Zwisohenmittel mit dem darüber abgebauten Lager nur 0,80 bis 1 Meter beträgt.

Weiter teilt uns die Bergbauverwaltung mit :

 

Rodingen, 21. Januar.

Seit heute morgen früh steht man mit den 6 ein­geschlossenen Bergleuten in Verbindung. Alle sind wohlauf. Die Befreiung erfolgt im Laufe des Tages durch einen schmalen Gang, den man durch ei­nen Bruch an der Stollenwand entlang aufführt.

 

Rodingen, 21. Januar. — 8.45 Uhr morgens :

Von der Direktion der Grube Thy-Ie-Château wird mitgeteilt, daß man in einer Stunde mit den Eingeschlos­senen in Verbindung zu sein hofft.

 

Rodingen, 21. Januar. — 9.15 Uhr morgens :

Um 9 Uhr war eine Verbindung hergestellt, die es ermöglichte, ein Gespräch mit den Verschütteten aufzu­nehmen. Alle 6 leben und befinden sich wohl. Nur klagen sie über großen Hunger. Alles wird nunmehr daran gesetzt, die Oeffnung so zu erweitern, daß den Eingeschlossenen Lebensmittel gereicht werden können.

 

Rodingen, 21. Januar. — 10.20 Uhr morgens :

Noch ein dicker   Block trennt die Verschütteten von ihren Rettern. Doch können sich beide Parteien deut­lich miteinander verständigen. Die Großherzogin und Prinz Felix haben sich wiederholt nach dem Schicksal der Verunglückten erkundigt und sich ein­gehend telephonisch Bericht erstatten lassen. Um 10.15 Uhr wird hier be­kannt, daß Prinz Felix im Auto Luxemburg verlassen hat, um sich zur Grube in Fond de Gras zu begeben.

 

Rodingen, 21. Januar. — 10.45 Uhr vormittags :

Die Befreiung der Eingeschlos­senen kann in einer halben Stunde erfolgen, jedoch auch noch zwei Stunden beanspruchen. Die Rettungsmannschaften müssen nämlich jetzt sehr vorsich­tig vorgehen, damit ihre Arbeiten keinen Rückschlag erleiden. Man hofft in­des zuversichtlich, daß das Rettungswerk bis spätestens 1 Uhr vollendet sein wird.

 

 „Tageblatt“ - 23. 1. 1933 :

 

Gerettet!

Die in der Grube Langfuhr eingeschlossenen sechs Bergleute wurden am Samstagabend befreit. Gegen Mittag hatte man angenommen, daß man in einer halben Stunde zu ihnen gelangen könne, jedoch stellte sich im letzten Augenblick ein schwerer Block in den Weg, den man umgehen mußte. So konnten die Eingeschlossenen erst um 18.30 Uhr den verschütteten Stollen verlassen. Zu sprengen wagte man nicht, da die Gefahr eines Nachsturzes be­stand. So hatte schon ein im Laufe des Morgens abgebener Sprengschuß die Arbeiten unnötigerweise verzögert. Die Eingeschlossenen waren ihrerseits durch den Bruch vorgedrungen. Sie hatten sich auf den Bruch hinausgearbeitet und drangen dann schräg nach unten weiter, bis sie nahe genug an die Ret­tungsmannschaft herangekommen waren, um sich mit ihnen zu verständigen und die nötigen Anweisungen zu geben. Bei diesem gefährlichen Werk zeich­nete sich besonders der Bergmann Hiertz aus, der mit unverwüstlichem Hu­mor die ganze schwere Zeit der Abgeschlossenheit überstanden hatte.

 

Die Rettungsmannschaft drang an der rechten Seitenwand durch und legte hier einen immer enger werdenden Durchbruch an, der mit Holz ausgebaut wurde. Um 'A vor sechs hatte man die Oeffnung geschaffen, die es erlaubte, den Eingeschlossenen Fleischbrühe, Kognak und Zigaretten zu reichen.

 

Um halb 7 Uhr verließen dann die Geretteten kriechend ihren Kerker. Nacheinan­der kehrten Hoscheit, Schwinden, Baasch, Storck, Weyer und Hiertz ins Le­ben zurück. Das Wiedersehen mit den Kameraden der Rettungsmannschaft (und das war ausnahmslos die ganze Belegschaft !) und ihren Familienange­hörigen war erschütternd. Die Geretteten wurden in Autos nach Hause ge­bracht. Die umliegenden Ortschaften, vor allem Rodingen, hatten an dem Fortschreiten der Rettungsarbeiten den regsten Anteil genommen. Die Freude über die Rettung war allgemein. Eine große Menschenmenge harrte trotz Kälte und Finsternis am Grubeneingang aus, um die geretteten Bergleute zu begrüßen.

 

„Luxemburger Wort“ - 21. 3. 1933:

 

Am Samstagabend um ½ 7 Uhr konnten die zu Fond de Gras seit Donnerstag­vormittag 10 Uhr eingeschlossenen 6 Bergleute befreit werden.


DIE MELDUNGEN VOM SAMSTAG.

 

Rodingen, 21. Januar. — Um 11 Uhr traf, wie angekündigt, S.K.H. Prinz Felix in Begleitung des Flügeladjutanten der Großherzogin, Major Speller, hier ein. Er wurde an der Unfallstelle von Hrn. Grubendirektor Franck empfangen. Nachdem Prinz Felix für die Einfahrt mit Stiefeln und Gummimantel ausge­rüstet worden war, fuhr er mit in die Galerie ein bis zur Rettungskolonne, deren Mannschaft und Leitung er herzlich für sich und im Namen I.K.H. der Großherzogin beglückwünschte. Da er wegen eines Empfangs im Palais um 1 Uhr wieder in Luxemburg sein mußte, konnte er sich nicht zu der Rettungs­kolonne der Gesellschaft Ougrée-Marihaye begeben, ließ aber auch sie eben­so herzlich beglückwünschen. Diese Kolonne, die, wie man weiß, von einer Nebengalerie aus zu den Eingeschlossenen vorzudringen suchte, hat sozu­sagen Unmögliches geleistet. Sie war am Freitagnachmittag mit ihren Ret­tungsarbeiten 23 Meter weit vorgedrungen, d. h. sie hatte in 24 Stunden 12 Meter gemacht, was eine unerhörte Leistung ist. Sie ist umso höher zu be­werten, als dieser Stollen schief, d. h. schräg abfallend angelegt werden mußte, was die Arbeit viel schwieriger machte.

 

Auch Herr Bürgermeister Schintgen fand sich am Nachmittag ein.

 

Rodingen, 21. Januar.

 

Nachdem sich am Samstag früh die Meldung ver­breitet hatte, daß die Verbindung mit den eingeschlossenen Bergleuten her­gestellt sei und diese sich wohlauf befänden, wich die lähmende Angst, die sich um aller Herzen gelegt und machte einer menschlich begreiflichen Un­geduld Platz, als es von Stunde zu Stunde immer von neuem hieß, binnen kurzem würden die Eingeschlossenen befreit sein.

 

Die wackren Rettungsmannschaften — die Rettungskolonne bestand aus 62 Mann, die abwechselnd in 3 Schichten arbeiteten — mußten, wie schon er­wähnt, mit äußerster Vorsicht Vorgehen, um ihr Werk nicht zu gefährden. Schließlich trennte nur mehr, wie ebenfalls berichtet, ein dicker Steinblock die Retter von den Eingeschlossenen. Diese, mit den Gefahren, die den Berg­mann täglich umlauern, wohl vertraut, riefen ihren Begleitern zu, — womit sie deren Auffassung bestätigten — auf keinen Fall eine Mine zu legen, da sonst ein neuer Einsturz erfolgen könne. So mußte man dann den ganzen Nachmittag an der Beseitigung des letzten Hindernisses arbeiten. Endlich um 6 Uhr schlug die Stunde der Befreiung. Was in diesem Augenblick in den Herzen der Retter und der Erlösten vorging, läßt sich nicht beschreiben. Aber mehr als einer hat eine heimliche Träne weggewischt. Das Wort von der rauhen Schale mit dem weichen Kern hat sich erneut bestätigt.

 

Und erst das Wiedersehen zwischen den Sechs und ihren Angehörigen! Die­sen Ausbruch der Gefühle zu schildern, vermag die Feder nicht. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß Frauen und Kinder fast zwei Tage in qualvoller Ungewißheit über das Schicksal ihrer Lieben waren, ist es begreiflich, daß mehr geweint als geredet wurde ...

 

Die Geretteten wurden dann von Hrn. Dr. Schrantz untersucht, der zu aller Genugtuung ihnen die tröstliche Versicherung geben konnte, daß ihr Zustand zufriedenstellend sei. Die Leute hatten nur etwas Hunger und an Kälte gelitten. Die meiste Zeit hatten sie auf ihren Werkzeugkistenverbracht. Der mu­tigste war der Hauer Nik. Hiertz gewesen, der den ändern immer Mut zuge­redet hatte.

 

In zwei Kraftwagen brachte man dann die Geretteten ins Direktionsbüro, wo ihnen warme Brühe gereicht wurde. Schon beim Verlassen der Grube hatten sie Brühe und Kognak erhalten.

 

Wenn man auch gerne möglichst viel Einzelheiten von den Befreiten erfahren hätte, so nahm man doch Rücksicht auf ihren immerhin angegriffenen Zu­stand und begnügte sich mit den notwendigsten Fragen. Da das Wasser in der Grube ihnen gefährlich zu werden drohte, verbrachten sie die letzte Zeit meistens auf Kippwagen. Schwinden und Hoscheit hatten bald ihre gute Laune wiedergefunden, während die ändern sich von ihrem seelischen Be­drücktsein noch nicht freimachen konnten.

 

Sofort nach der Rettung erstattete Herr Jos. Franck dem Prinzen Felix telephonisch Bericht. Der Prinz war hocherfreut über die Rettungsnachricht und drückte noch einmal in seinem und in der Groß­herzogin Namen, allen, die sich an dem Rettungswerk beteiligt hatten, die besten Glückwünsche aus.

 

Herr Mark, Bürgermeister von Differdingen, beglück­wünschte die Geretteten schriftlich und teilte ihnen mit, daß die Stadt Differ­dingen, um ihnen eine Erholung zu ermöglichen, 2000 Franken übermache. Herr Bürgermeister Schintgen von Petingen stellte ebenfalls gleich 2000 Fran­ken in Aussicht. Auch die Grubendirektion wird ihnen eine Gratifikation be­willigen, außerdem erhalten sie noch eine bestimmte Summe aus der Ver­sicherungskasse.

 

DER AMTLICHE BERICHT ÜBER DEN ABSCHLUSS DES RETTUNGSWERKES.

 

Die Rettung der sechs auf Grube „Thy-Ie-Château“ eingeschlossenen Berg­leute erfolgte am Samstag gegen halb 7 Uhr abends, nachdem es gelungen war, dieselben kurz vorher zu verproviantieren. Alle sind wohlauf. Die Be­freiung wurde ermöglicht durch eine schmalen Gang, den man durch die Bruchstelle hindurch an der Stollenwand entlang, auffuhr und der genau ei­nem Mann Durchlaß gewährte. In den letzten Minuten arbeiteten die einge­schlossenen Bergleute selbst kräftig an ihrer Befreiung mit.

 

Das erste Lob des gelungenen Rettungswerkes gehört den Rettungskolonnen und ihren direkten Vorarbeitern, die, nachdem die allgemeinen Direktiven ge­geben waren, unermüdlich und unter Einsetzen all ihrer Kräfte, selbst ihres Lebens, ans Werk gingen, um ihre Kameraden zu befreien. Ganze Kolonnen weigerten sich abgelöst zu werden, obschon es im Interesse der Sache selbst war, stets frische Arbeitskräfte einzusetzen. Die Ausführung der Rettungs­arbeiten von seiten der Grube Thy-Ie-Château waren ungemein schwierig und gefährlich, oft die reinste Geduldsarbeit, oft der reinste Wagemut, umsomehr als der Bruch nicht ganz zur Ruhe gekommen war und noch immer Einsturz­gefahr bestand. Hier kam besonders zustatten, daß die Grube Thy-Ie-Chateau über einen Stamm sehr erprobter Bergleute verfügt. Von seiten der Grube Ougrée-Marihaye wurde mit größter Kaftanstrengung gearbeitet; zwar hatten gefahr bestand. Hier kam besonders zustatten, daß die Grube Thy-Ie-Château doch Leistungen, wie sie im luxemburgischen Bergbau noch nicht gesehen und wie sie nur ein nobler Zweck ermöglichen kann. Der Vortrieb betrug einen halben Meter pro Stunde, eine Leistung, die nur Fachleute schätzen können; nachdem die Rettung geglückt war, trennten nur noch wenige Meter diese Kolonne von den Eingeschlossenen. Das beständige Dröhnen der Minen­schüsse erhöhte den Mut und die Hoffnung der vom Rückweg Abgeschnittenen und gab ihnen die Gewißheit, daß man unter Einsetzung aller Mittel an ihrer Befreiung arbeitete.

 

Es erübrigt sich, Namen zu nennen. Alle erfüllten voll und ganz ihre Pflicht, jeder nach seinen Fähigkeiten ,so wie es die Umstände erheischten.

 

Mitgeteilt von der Bergbauverwaltung.

 

 

EINE ZUSAMMENHÄNGENDE DARSTELLUNG DER VORGÄNGE.

 

Da das Bergwekrsunglück in Fond de Gras die Oeffentlichkeit in weitestem Maße bewegt hat, sei nachstehend versucht, an Hand einer Lagekarte zu­nächst die Arbeitsweise in den Gruben darzustellen und den Hergang der Rettungsarbeiten im Zusammenhang zu schildern.

 

In einem Seitental zwischen Lamadelaine und Rodingen liegen verschiedene Grubeneingänge; finstere Tore, durch die der Weg in den Berg führt. Davor stehen rechts und links einige unscheinbare Häuser, in denen die Büros un­tergebracht sind. Daneben der Ladequai, von dem die Minette, die auf kleinen Wagen aus dem Berge angefahren wird, zunächst in die großen Eisenbahn­wagen gelangt, die sie zur Hütte bringen. Es ist friedlich-ruhig in diesem Tale, das Fond de Gras heißt. Nur ab und zu wird es von einem Gepolter durch­zittert : wenn die schweren Minettesteine in die Waggons hinunterdonnern. Im Hintergründe aber halten die Berge treue Wacht, und dort, wo das Tal sich weitet, stehen die Schlote von Rodingen Posten.

 

Das Leben geht seinen Alltag.

 

Bis ganz plötzlich am Donnerstagvormittag etwas sich ereignete, daß für ein halbes Dutzend Arbeiterfamilien hätte schrecklich werden können.

 

Zwecks besseren Verständnisses möge der Leser uns mit Hilfe der beige­gebenen Karte in den Berg folgen.

 

Treten wir durch den Eingang, von den Bergarbeitern einfach „Lach“ ge­nannt, in die Grube Thy-Ie-Chäteau. Wir gehen ein Geleise entlang, auf dem eine elektrische Lokomotive Wagenzeilen ans Licht schleppt. Nachdem wir ungefähr 1000 Meter zurückgelegt haben, zweigen wir links ab und befinden uns in dem Stollen, der auf unserm Bilde mit „Galerie principale“ bezeichnet ist. Immer sind wir noch im Hauptgang, der sehr geräumig ist u. durch den die geladenen Kippwagen abgerollt, die leeren aber wieder herbeigeschleppt werden. Links und rechts zweigen sich von dem Hauptstollen Nebenstollen ab. Wir wählen den ersten zu unserer Rechten, gehen durch die Finsternis weiter, die nur von dem matten Licht unserer Grubenlampe zerrissen wird, biegen links und nochmals links ab und finden schließlich einen Hauer und einen Schlepper, die sich in den Berg hineinbohren wie Holzwürmer ins Holz. Der Hauer bricht das Gestein, der Schlepper lädt es auf Wägelchen, schiebt diese, wenn sie voll sind, auf die „Strecke“ zurück, wo leere Wagen warten, bis auch sie an die Reihe kommen. Denn einer ist da, der schleppt mit seinem Pferde die vollen Wagen ab und bringt die leeren wieder herbei, Tag um Tag und Jahr um Jahr. Wir verlassen unsere beiden Arbeiter, gehen wieder zurück, dringen weiter in den eBrg vor und sehen plötzlich rechts und links von uns, weitab Lichter blinken. Es sind zwei Gruppen von je zwei Mann, die hier das kostbare Gestein graben. Tag um Tag und Jahr um Jahr. Ab und zu dröhnen Schüsse durch den Berg, daß einem der Atem stockt; sonst hört man nichts als das ferne Rollen der Erzwagen, den Tritt der Pferde und das Knistern der Hölzer, die, zwei senkrecht und eines waagerecht drü­ber, Deim Vordringen in den Berg eingebaut werden müssen, um die Stollen vor dem Einbruch zu bewahren. Und die dauernd unter der Last ächzen.

 

Unser Leser wird sich nunmehr ein ungefähres Bild von einem Bergwerk machen können; es wird somit genügen, wenn wir ihm noch sagen, daß die Minette in drei Schichten von verschiedener Farbe übereinanderliegt, und daß die Schichten durch Gesteinsmassen getrennt sind. Unser Bildchen zeigt (in der untern Ecke links) die Schichten an, und zwar folgen sich von oben nach unten die rote, die gelbe und die graue Schicht. Die sechs Mann aber, die eingeschlossen waren, arbeiteten in der grauen, also in der untersten Schicht.

 

Am Donnerstagvormittag gegen 10 Uhr geschah es nun, daß an dem Punkte, der auf unserm Bilde mit „éboulement“ bezeichnet ist, die Stollendecke ein­stürzte und sechs Arbeiter von der Außenwelt absperrte. Diese wußten an­fangs nichts von dem, was sich hinter ihnen ereignet hat. Erst, als sie fest- stelten, daß die vollen Erzwagen nicht abgeschleppt und nicht durch leere ersetzt wurden, erkannten sie, daß etwas nicht in Ordnung war. Welche Ge­fühle werden sie bewegt haben, als sie dem Ausgang zustrebten und plötz­lich vor dem Geröll standen, das den Stollen dicht verstopfte ! Gefangen in der Kälte und in der Finsternis ! Gab es Aussicht auf Rettung, oder war der Berg in einem Ausmaß zusammengestürzt, daß das Geröll nicht eher abge­schleppt werden konnte, als bis die Sechs jämmerlich verhungert waren ?

 

Mittlerweile tat die Betriebsleitung ihre PIficht, ihre ganze Pflicht. Von der Bergbauverwaltung unterstützt, organisierte sie die Rettungsarbeit, die sofort und mit allen Mitteln durchgeführt wurde.

 

Und zwar suchte man zu den Eingeschlossenen auf zwei Wegen zu gelan­gen : der erste Weg sollte durch das Geröll geführt werden, der zweite sollte eine Verbindung zwischen der anstoßenden Grube Ougrée-Marihaye und der Grube Thy-Ie-Château schaffen.

 

Der Leser wird zwecks besseren Verständnisses noch einmal unser Klischee zu Rate ziehen müssen.

 

Gerade wie das Grundeigentum auf der Erde sich in vielerlei Händen be­findet, ebenso liegen auch in der Erde die Konzessionen (Mineneigentum) nebeneinander. In Fond de Gras sind u.a. Thy-Ie-Château u. Ougrée-Marihaye Nachbarn. Während aber Thy-Ie-Château in der grauen Lage arbeitet, arbeitet, wie unser Bildchen zeigt, Ougrée-Marihaye in der roten Lage, also etwa 7-8 Meter höher als jene,                von denen sie im übrigen noch durch eine 35 Me­ter               dicke Wand getrennt ist. Diese Wand hieß es also in schiefer Ebene durchzubrechen, um die Eingeschlossenen durch die Grube Ougrée-Marihaye wieder ins Freie zu bringen.

 

Die Arbeiten wurden an der Einbruchstelle und von Ougrée-Marihaye her gleichzeitig in Angriff genommen und mit einem Eifer betrieben, den man am besten Heroismus nennt.

 

An der Einbruchstelle hieß es, möglichst schnell genug Geröll wegzuräumen, um den eingeschlossenen Bergleuten zu erlauben, hindurch zu kriechen. Das war nun eine ungeheuer schweres Stück Arbeit; denn so schnell, wie das Geröll entfernt wurde, floß anderes nach, und so mußte das aufgewühlte Loch dauernd mit Holz verbaut werden. Außerdem war es notwendigerweise so eng, daß ein Mann sich knapp darin bewegen konnte, um seinem Hinter­mann die Steine zu reichen, die dann von Hand zu Hand bis in das bereit­gestellte Wägelchen geschafft wurden. Eine sehr beschwerliche und auch gefährliche Arbeit, die von den besten Bergleuten in unermüdlichem Fleiß und mit seltenem Opfermut durchgeführt wurde!

 

Gleichzeitig stießen Die von Ougrée-Marihaye in das Gestein vor. Auch hier wurde Uebermenschliches geleistet. Die Lufthammer rasten wie entfesselt, Schuß um Schuß krachten los, das Gestein wurde heiß unter dem fürchter­lichen Angriff der tausendfältigen Sprengungen. Die Arbeiter schufteten, mit nichts als mit der Hose bekleidet und schwitzten, daß ihre Rücken glänzten und der Schweiß ihnen wie Perlen über das Gesicht floß. Unerbittlich waren diese Leute, die dem Berge seine Beute abjagten, koste es, was es wolle. Die Arbeit war nicht ungefährlich, aber was verschlug’s : es waren Kamera­den drinnen im Berg, und die wollten sie ihm entreißen, und hätten sie darum ihre eigene Haut hergeben müssen.

 

An anderer Stelle haben die Leute vom Fach diesen Helden ein höchst eh­rendes Zeugnis ausgestellt.

Es ist reichlichst verdient.

 

Stundenlang, tagelang ging die Arbeit weiter. Zuerst in bangem Zagen, da man befürchtete, daß die Hilfe doch zu spät komme, dann aber, als man wuß­te, daß die Eingeschlossenen noch lebten, mit der frohen Hoffnung auf ein Gelingen.

 

Zweimal vierundzwanzig bange Stunden nach dem Deckenbruch wußte man, daß die Sechs zwar noch gefangen, aber doch wohlauf waren.

 

Die Befreiung kam von Seiten der Einbruchstelle her. Schon am Samstag­vormittag hatte man dauernde Verbindung mit den Eingeschlossenen, am frühen Nachmittag sah man den ersten Lichtstrahl ihrer Lampe, und wieder etwas später kroch der 1. Eingeschlossene, Hoscheit, durch das Loch und lag bald seinem Bruder in den Armen. Die ändern 5 folgten : und es gab ein höchst rührendes Wiedersehen, und die scheinbare Derbheit dieser kampf- und opfergewohnten Leute zerrann im Feuer der Freude und Begeisterung, wie das Gestein, das sie brechen, in der Glut zerfließt.

 

Aber stark mitgenommen waren die sechs doch : die Jüngeren hatten es zwar leichter getragen, und es war auch einer dabei, der durch seinen ange­borenen Frohsinn den übrigen die Stunden kürzte; die älteren waren aber doch hart mitgenommen, und sie schauten abwesend mit ihren weitoffenen Augen in den Jubel, der über ihnen zusammenbrach.

 

Die Liebe der Mitmenschen und die häusliche Wärme werden sie, so hoffen wir, recht bald wieder das Böse vergessen tun, das sie angesprungen hatte. Warum wir dies alles erzählen ?

 

Weil wir selbst tief ergriffen sind von dem, was an Opfer- und Heldenmut in diesen Tagen vollbracht wurde; und weil wir annehmen, daß nichts mehr für die Anerkenung wirbt, als die Darstellung des wahren Verdienstes, jenes Verdienstes, das seinen Träger in dem einfachen Arbeiter hat, den man nur deshalb nicht versteht, weil man ihn leider vielfach nicht kennt.

 

Wenn die Vorgänge in Fond de Gras in dieser Hinsicht eine Besserung ein­leiteten, hätten die Eingesperrten und ihre Retter ihr Opfer nicht umsonst ge­bracht.

 

Wir aber wollen jedenfalls, wie immer, zu dieser besseren Erkenntnis unsern Teil beigetragen haben...

 

„Tageblatt“ - 23. 1. 1933 :

 

 

 

Bericht eines Geretteten.

 

Wir haben gestern Sonntag verschiedene der geretteten Bergleute in ihrer Wohnung besucht. Ueberall herrschte Freude, Arbeitskameraden gingen aus und ein und den Geretteten selbst stand das Glück, dem Leben wiedergege­ben zu sein, im Gesicht geschrieben. Wir geben nachstehend wieder, was uns einer der Geretteten im Verlaufe unserer Unterhaltung erzählte :

 

„Am Donnerstagmorgen um 8,15 Uhr wurden wir, mein Arbeitskollege und ich, durch ein Donnern und Rollen von unserer Arbeit aufgeschreckt. Ich bin ein alter Bergmann, ich wurde mir sofort klar, was dieses Gewitter im Bergwerk bedeutete : Bruch ! Wir liefen zu den Stollen, in denen unsere Kollegen ar­beiteten und riefen ihnen zu, ob sie das Donnern gehört hätten. Ja, alle hat­ten es gehört. Wir liefen nun alle sechs in der Richtung des Ausganges und kamen an die Einsturzstelle. An ein Durchkommen war nicht mehr zu denken. Zwar war der Stollen noch nicht aufgefüllt, aber ohne Unterlaß regnete es von oben Felsstücke, Boden, Geröll. Wir standen da und mußten machtlos Zu­sehen, wie wir von einer immer undurchdringlicher werdenden Wand von der Außenwelt abgeschlossen wurden. Wir zogen uns dann, weil es in diesem Stollen gefährlich war, weiter nach hinten, in die Nähe unserer Arbeitsstellen zurück. Wir verbrachten den Tag, zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit hin und her geworfen. Wir besprachen unsere Lage, grübelten über die Mög­lichkeit einer Rettung.

 

Gegen 7 Uhr abends hörten wir einen Sprengschuß. Der Schall kam aus der Richtung der benachbarten Grube Doihl. Nun wußten wir, wir waren nicht ganz von aller Welt verlassen. Wir wußten, die Kameraden setzen alles daran, um uns zu befreien. Wir wollten ihnen ein Zeichen geben. Wir bohrten dort, wo wir den Schall am besten hörten, den Fels an, füllten vier Ladungen hin­ein. Es gab einen gewaltigen Knall und es fiel so viel Gestein, daß es für den Bergmann eine Lust gewesen wäre, wenn es ihm etwas eingebracht hätte.

 

Nun stellte sich allmählig der Hunger ein und die Kälte machte sich immer unangenehmer fühlbar. Wir waren nicht sehr warm bekleidet, unsere Arbeit verträgt das nicht und so litten wir sehr unter der Kälte. Wir mußten ver­suchen uns zu erwärmen. Wir legten eine Leiter über zwei Pulverkisten, leg­ten Bretter darüber und stellten unsere Karbidlampen darunter. Dann setzten wir uns über die Flamme. Wir hatten glücklicherweise 11 Klgr. Karbid bei uns. Die Zeit verstrich mit unheimlicher Langsamkeit. Wir unterhielten uns, so gut es ging; sprachen von unsern Familien und was sie wohl taten und sagten. Wir erzählten Spässe, pfiffen und sangen. Wir munterten uns gegenseitig auf, so gut wir konnten. Geschlafen haben wir wenig. Hunger und Kälte plagten uns immer mehr, vor allem aber die Kälte. Wir wärmten uns Wasser, tranken es so heiß wie nur möglich. Das Brot, das wir mithatten, teilten wir in dau­mengroße Rationen, von denen wir jeden Tag nur eine aßen. Wir ließen un­sern Galgenhumor an unserem Hunger aus. Wir berieten, welchen von uns wir zuerst aufessen sollten, den fettesten oder den jüngsten.

 

Freitag abend wurden wir immer einsilbiger und mutloser. Hätten wir nicht immer die Schüsse der Kameraden gehört, wir wären verzweifelt. Wir wur­den schwindlich vor Hunger. Einer schreckte aus seinem Hindösen auf, zeigte ins Dunkel der Grube und lallte : „Dort kommen zehn Kilo Brot.“ Wir schnit­ten unsere Schuhriemen ab und kauten daran.

 

Aus einem ersoffenen Stollen lief anhaltend Wasser auf den Bruch zu, wo es sich staute. Bald stand dieser ganze Stollen unter Wasser und wir mußten unsern Platz ändern, weil das Wasser bis zu uns vordrang. Wir stiegen öf­ters in ein „Buggi,, und fuhren die Strecke hin bis zum Bruch. Wir bewegten uns mit Stemmeisen weiter. Der Berg war jetzt ruhig und wir konnten ver­suchen, von unserer Seite her durchzudringen. Samstag früh wurden wir zu­erst von außen gehört. Jetzt wußten wir, daß wir gerettet waren. Aber gerade jetzt dehnte sich die Zeit zur Unendlichkeit. Aber wir wußten, alles war gut gegangen und das war ein großer Trost.

 

Ja, es ist gut gegangen! Jetzt liege ich im Bett und bin warm wie eine Maus. Es ist doch ein großes Glück bei Frau und Kindern zu sein!

 

Einschließungsunglücke.

 

Von fachmännischer Seite erfahren wir:

 

Einsturzkatastrophen wie die in Rodingen sind im Eisenerzbergbau eigentlich selten. Lokale und gewollte Einstürze geschehen täglich in unsern Gruben, da dies das Prinzip der Ausbettung ist (dépilage). Hierbei geschehen höchstens Unfälle durch verfrühten oder verspäteten Steinfall, Unfälle, die ziemlich häu­fig sind und 73 Prozent aller Bergwerksunfälle ausmachen.

 

Aehnliche Fälle wie in Rodingen haben sich jedoch bei uns schon ereignet, so nach dem Krieg in Differdingen (Kirchberg), wo drei Bergleute einge­schlossen waren. Nach zwei Tagen konnten sie befreit werden, doch war leider einer tot und die zwei anderen schwerverletzt.

 

ln Rümelingen war um dieselbe Zeit ein ähnlicher Fall. Zwei Tage und zwei Nächte saßen drei Bergleute eingeschlossen, konnten aber heil und wohlauf gerettet werden, da schon gleich nach dem Einsturz eine primitive Verbin­dung mit ihnen hergestellt werden konnte, wodurch sie mit Speise und Trank versorgt werden konnten.

 

Einschließunglücken wird vorgebeugt durch Anlegen von Fahrtstrecken (galeries de circulation), durch Schächte usw.

 

Jedenfalls ist der Rodinger Einsturz einer der bedeutendsten. In einem druck­haften Gebirge wie im Rodinger Bassin, wo die Dachverhältnisse äußerst schlecht sind, kann ein Einsturz in solchen Ausmaßen, trotz allen Stützarbei­ten, erfolgen, wenn das Gebirge einmal in Bewegung gerät.

 

 

Sympathieerklärung

 

Die Genossenschaft „La Solidarité“ Düdelingen bittet uns, die folgende Ent­schließung ihrer Generalversammlung an die geretteten Bergleute weiterzu­geben :

 

„Die am 22. Januar 1933 im Gewerkschaftsheim stattgefundene Generalver­sammlung der Genossenschaft „La Solidarité“ Düdelingen, nimmt Kenntnis von der glücklich verlaufenen Rettungsaktion in Fond de Gras Rodingen, versichert den geretteten Bergleuten und ihren Familien brüderliche Solidarität, und entbietet den Rettungsmannschaften ihre vollste Sympathie für die auf­opfernde und heldenmütige Aktion, die sie zur Rettung von sechs kostbaren Menschenleben unternommen haben.“

 

 

Interpellation

 

Der Bergarbeiterverband übermittelt uns die Abschrift folgenden Schreibens :

 

Esch-Alzette, den 21. Januar 1933.

 

Herrn Emil Reuter, Kammerpräsident,Luxemburg.

 

Geschätzter Herr!

Die Leitung des Bergarbeiter-Verbandes beauftragte den Unterzeichneten Nik. Biever und seine beiden Genossen Weirich Léon und Bausch J. P. in ihrer Eigenschaft als Kammerabgeordnete der Regierung über das Grubenunglück bei der Gesellschaft Thy-Ie-Château (Rodingen), sowie über die Lage und die Sicherheit der Bergarbeiter im Allgemeinen zu interpellieren.

 

Angesichts der begreiflichen Aufregung in Bergarbeiterkreisen wäre es unser sehnlichster Wunsch, wenn der Herr Kammerpräsident diese Interpellation als dringlich ansehen würde, dieselbe in der kommenden Dienstag-Sitzung zur Debatte stellen wollte.

 

Diese Interpellation über die Sicherheit der Bergleute in den Gruben führte in unserer Abgeordnetenkammer zu heftigen Diskussionen zwischen der Ar­beiterpartei und der Regierung und zu Polemiken in der Presse. Es interve­nierten für die Arbeiterpartei die Abgeordneten Bausch und Weirich, für die Regierung General-Direktor Schmit und General-Direktor Dupong.

 

Berichte von der Minenverwaltung wurden angefordert.

 

Zwei Untersuchungen, eine gerichtliche und eine administrative, wurden ver­langt und angeordnet.

 

Die Regierung beschloß weiterhin, den geretteten Bergleuten und den mutigen Helfern eine Entschädigung und eine Belohnung zukommen zu lassen und der öffentlichen Meinung Aufschluß zu geben über die Art und Weise, wie die Bergleute in den Gruben geschützt sind.

 

Es bleibt zu hoffen, daß durch diese landweite Diskussionen die Sicherheit in den Gruben verbessert worden ist und vielleicht so Menschenleben ge­rettet wurden !

 

So hätte das Unglück von Fond de Gras indirekt zur Verbesserung der Ar­beitsbedingungen der Bergleute beigetragen und die Tage des Leidens, der Angst und der Ungewißheit wären nicht sinnlos gewesen !

 

Roger BIEVER